Wirtschaft Risiken am Horizont

Industriebetriebe in der Region Stuttgart erwarten mehr Auftrage aus der Eurozone.
Industriebetriebe in der Region Stuttgart erwarten mehr Auftrage aus der Eurozone. © Foto: mauritius-images.com
Von Daniel Grupp 07.02.2019

Wir sind von einer Rezession weit entfernt. Die Wirtschaft steht aktuell hervorragend da“, stellte Marjoke Breuning fest. Die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer der Region Stuttgart hat aber bei der Jahrespressekonfernz der IHK auch einige Risiken für die Wirtschaft im Raum Stuttgart ausgemacht. Dazu zählen die Kammer-Vertreter den Fachkräftemangel, drohende Handelskonflikte und den Brexit, aber auch Wohnungsnot und Fahrverbote. In einer Umfrage unter ihren Mitgliedern hat die IHK eine sehr negative Resonanz auf die Fahrverbote erhalten. Daher sei insgesamt die Zuversicht etwas getrübter als zuvor.

 

An der Konjunkturumfrage der IHK haben rund 800 Betriebe aller Branchen und Größenklassen teilgenommen, berichtete Breu-
ning. 59 Prozent meldeten gute Geschäfte, das sei der zweitbeste Wert, der je gemeldet wurde. Eine befriedigende Lage hätten 36 Prozent angegeben, 6 Prozent hielten ihre Lage für schlecht. Nachfrage und Umsätze würden weiter wachsen, jedoch bei geringeren Zuwachsraten. Die regionale Wirtschaft habe insgesamt  ihre Erwartungen an 2019 etwas zurückgeschraubt, wobei die meisten Unternehmen damit rechneten, ihre Geschäfte auf dem bisherigen Niveau halten zu können.

 

Der Außenhandel könnte für die exportstarke Wirtschaft der Region zum Risiko werden. Weniger Firmen als im vorigen Jahr rechnen mit steigenden Exporten. „Die Industriebetriebe erwarten vor allem aus der Eurozone mehr Aufträge“, sagte Heinrich Baumann, Präsident der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen. Negative Auswirkungen könnte aber der Handelsstreit zwischen den USA und China haben, erklärte der Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Eberspächer: „Trump ist ein Unsicherheitsfaktor.“ Sorge bereite auch der Brexit. Zölle und neue Formulare sowie eine schwaches Pfund könnten dem Geschäft mit dem Vereinigten Königreich erheblich schaden. Mehr als 800 Betriebe aus der Region hätten Handelsbeziehungen mit Großbritannien. Wichtig seien rasche Entscheidungen über das Austrittsszenario. Die IHK bietet zu Brexitfragen eine Beratungshotline an.

 

Offene Arbeitsplätze zu besetzen, ist für viele Firmen ein Wachstumshindernis. 9000 Stellen im Land seien derzeit nicht besetzt, erklärte Breuning: „In der Region ist der Fachkräftemangel das größte Geschäftsrisiko.“ Gegen den Mangel an Fachkäften setze die IHK auf die betriebliche Ausbildung, sagte Johannes Schmalzl. Der Hauptgeschäftsführer hält es für bedenklich, wenn laut einer Umfrage 40 Prozent der Jugendlichen in den öffentlichen Dienst streben. Die Kammer wolle jüngere Unternehmer und berate Menschen, die sich selbstständig machen wollen.

 

Zu den Fahrverboten in Stuttgart hat die IHK ein Stimmungsbild erhoben. Gefragt waren Betroffene wie Unternehmer, Pendler und Auszubildende. „Innerhalb von fünf Tagen haben wir 1500 Rückmeldungen bekommen“, berichtete die Kammerpräsidentin. 70 Prozent hätten angegeben, sich von den Fahrverboten beeinträchtigt zu fühlen. Mehr als 75 Prozent der Händler erlebten das Fahrverbot als negativ für ihr Geschäft. Breuning, Geschäftsführerin eines Stuttgarter Fachgeschäfts für Unterwäsche und Bademode, berichtete, dass auch ihre Kunden angekündigt hätten, nicht mehr zum Einkauf zu kommen. Händler, die mit ihren Autos nicht mehr in die Landeshauptstadt dürfen, berichteten, die Stadt sei bei Ausnahmegenehmigungen sehr streng. Mehr als 40 Prozent der Unternehmen, die sich durch Fahrverbote beeinträchtigt sehen, würden überlegen, ihre Geschäfte aus Stuttgart zu verlagern, zumindest teilweise. Die Mehrheit der Mitglieder wünsche, unter allen Umständen Fahrverbote für Euro-5-Diesel zu verhindern. „Die Folgen wären weitaus größer als jetzt.“ Die IHK-Vertreter erhoffen sich, dass sich neue Messtellen in ihrem Sinne auswirken werden. „Die Messstelle kann auch woanders stehen, da gibt es einen Ermessensspielraum“, sagte Baumann. Er wunderte sich, dass an Arbeitsplätzen der Stickoxid-Grenzwert mehr als 20 mal so hoch wie am Neckartor sein darf.

 

Im Wohnungsmangel sehen die IHK-Vertreter ein weiteres Wachstumsrisiko. Schließlich müssten auch untere Einkommensschichten bezahlbare Wohnungen finden, sonst entstehe noch mehr Verkehr. Auch Betriebe wollten Wohnraum schaffen: „Unsere Unternehmen haben ein existenzielles Interesse daran“, sagte Schmalzl. Allein in Esslingen bestehe für die nächsten 15 Jahre ein Bedarf von bis zu 7000 neuen Wohnungen, um durch Zuzug Stellen besetzen zu können, die Rentner frei machen, berichtete Baumann. Geplant seien gerade mal die Hälfte davon.

Umsteiger benötigen Parkplätze

Park-and-Ride-Plätze rücken ins Blickfeld der Industrie- und Handelskammer. Das Angebot sei nicht attraktiv genug, um Pendler zum Umstieg auf den ÖPNV zu bewegen, hat die Blitzumfrage zu den Fahrverboten ergeben.

Die doppelte Anzahl an P+R-Plätzen, fordert IHK-Präsidentin Breuning. Die Auslastung sei zu hoch. Pendler, die befürchten müssten, dass sie für ihr Auto keinen Parkplatz finden, würden auch nicht auf den ÖPNV umsteigen.

Aus Sicht der Kammer-Vertreter sollte das Parkplatzangebot vom Verband Region Stuttgart koordiniert werden. Aber jetzt wolle auch die Bahn wieder ein Parkhaus betreiben, bedauert Präsidentin Breuning. dgr 

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