Stuttgart / JÜRGEN SCHMIDT  Uhr
So mancher Stuttgarter Taxifahrer setzt auf ein E-Auto. Für Vielfahrer ist der alternative Antrieb trotzdem noch nicht alltagstauglich.

Wenn Joachim Wolf an den Taxistand am Killesberg rollt, ist kaum etwas zu hören. Warum, dass verrät schon die große Aufschrift auf den Seiten des Fahrzeugs: E-Taxi. Der Stuttgarter Taxi-Unternehmer sitzt in einer elektrisch angetriebenen Mercedes B-Klasse. Mit dem Fahrzeug hat er inzwischen schon 53 000 Kilometer zurückgelegt und die Zufriedenheit überwiegt.

Wolf war einer von Stuttgarter Transport-Unternehmern, die am Pilotprojekt „Guest – Gemeinschaftsprojekt Nutzungsuntersuchungen von Elektrotaxis in Stuttgart“ teilgenommen haben, das von September 2014 bis Anfang 2015 lief. Dass Wolf auch heute noch Fahrgäste elektrisch befördert, liegt daran, dass Daimler die Testfahrzeuge nach einem Vierteljahr Pause den beteiligten Unternehmern erneut zum Leasen anbot. Wolf und zwei seiner Kollegen nutzten das Angebot, dass zunächst einmal bis Jahresende gilt. Denn die Erfahrungen mit der Elektromobilität haben den Unternehmer, der seit 40 Jahren selbst fährt, überzeugt.

„Man fährt viel ruhiger als im Diesel und das liegt nicht nur daran, dass man den Motor nicht mehr hört“, berichtet Wolf. Beim Beschleunigen hält er sich zurück, in Sachen Höchstgeschwindigkeit lässt er es ruhiger angehen. Und in Fußgängerzonen oder verkehrsberuhigten Bereichen fährt er extra vorsichtig, weil Passanten und Tauben nicht hören, dass ein Fahrzeug kommt. „Ich bin auch schon einmal 100 Meter hinter einer Omi mit Rollator hergefahren, um sie nicht zu erschrecken“, erzählt Wolf schmunzelnd.

Auf normalen Straßen ist die fahrerische Zurückhaltung allerdings nicht ganz freiwillig. Vielmehr bringt die sehr begrenzte Reichweite der Batterie den Fahrer fast zwangsläufig dazu, möglichst sparsam zu fahren. Auch aufs Kühlen und Heizen im Auto verzichtet Joachim Wolf, solange es von Fahrgästen nicht gewünscht wird. Alleine der Betrieb der Klimaanlage würde die Reichweite um 17 Prozent reduzieren.

Allzu lange hält die Batterie der Vorserien-B-Klasse ohnehin nicht. 110 Kilometer im Winter und 140 bis 150 im Sommer könne man maximal mit einer Ladung fahren, erzählt Wolf. Und da ist schon eingerechnet, dass bergab wieder etwas Energie zurückgewonnen wird. Von Degerloch in die Innenstadt seien das immerhin drei Prozent. Um über den Tag zu kommen, lädt der Unternehmer, der ohne angestellte Fahrer arbeitet, die Batterie in Pausen und Standzeiten an Car2Go-Säulen. 20 Prozent schaffen die in einer Stunde. Voll geladen wird zu Hause über Nacht. Auch wenn ihn die längste Fahrt über 90 Kilometer bis nach Bad Schönborn führte – mit Zwischenladung in einem Hotel –, macht die geringe Reichweite die Elektroautos für Taxiunternehmer derzeit noch unwirtschaftlich. Schnellade-Säulen an den wichtigsten Taxiständen und mindestens 300 Kilometer mit einer Batterieladung sind für Wolf und seine Kollegen im Pilotprojekt Grundvoraussetzung, um dauerhaft nur elektrisch zu fahren.

Wolf nutzt neben dem Elektro-Taxi noch seinen Diesel, hat dafür als Ausnahmegenehmigung eine geteilte Taxilizenz. Einige wenige andere Stuttgarter Taxi-Unternehmer setzen auf den einzigen größeren Pkw, der derzeit die Anforderungen in Sachen Reichweite erfüllt: das US-amerikanische Modell Tesla. Hinzu kommen gut zwei Dutzend Hybrid-Taxis auf den Stuttgarter Straßen. Unter rund 700 Taxis insgesamt sind alternative Antriebe also weiterhin sehr selten.

Auch Joachim Wolf denkt darüber nach, sich ein Hybridfahrzeug anzuschaffen, falls er die geteilte Lizenz und die elektrische B-Klasse 2017 nicht mehr nutzen kann. Ob das in puncto Klimaschutz im Alltag allerdings wirklich nachhaltig ist, da hat er seine Zweifel. „Ich habe noch keinen Kollegen mit Hybridauto tagsüber laden sehen“, meint Wolf. Zudem hätten manche Modelle einen viel zu hohen Spritverbrauch. Gefördert wurden sie vom Land dennoch mit bis zu 15 000 Euro.

Fahrgäste äußern sich fast ausnahmslos positiv

Bewertung Während die Taxifahrer, die an „Guest – Gemeinschaftsprojekt Nutzungsuntersuchungen von Elektrotaxis in Stuttgart“ teilnahmen, die Alltagstauglichkeit von E-Taxis zwiespältig beurteilten, zeigten sich Fahrgäste fast ausnahmslos zufrieden. „Etwa 90 Prozent der Fahrgäste äußern sich ausgeprägt zufrieden mit ihrer Fahrt. Zwei Drittel sind bereit, anderen von ihren Erlebnissen im Elektrotaxi zu berichten“, hatte Rüdiger Goldschmidt vom Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung (ZIRIUS) der Universität Stuttgart bei der Präsentation des Abschlussberichtes erklärt. Das Institut hatte die Befragung durchgeführt.

Motivation 45 Prozent der Befragten hatten angegeben,  sich bei ihrer nächsten Taxifahrt gezielt wieder ein Elektrotaxi rufen oder suchen zu wollen. Und immerhin jeder fünfte Fahrgast habe signalisiert, motiviert worden zu sein, über den Kauf eines Elektrofahrzeugs nachzudenken. In der Praxis sieht es wohl aber etwas anderes aus. Bei Joachim Wolf, der als Taxi-Unternehmer am Projekt „Guest“ teilnahm, kamen kaum gezielte Anfragen nach Fahrten im Elektrotaxi. „Da hätten wir uns eigentlich mehr erwartet“, sagt der Stuttgarter Taxifahrer.jüs