Jahrzehntelang waren die endlosen Wohnwagenkolonnen der Holländer auf der rechten Autobahnspur während der Sommermonate ein gewohntes Bild. Längst aber sind auch die Deutschen vom Campingvirus infiziert. Bevorzugt reisen sie im eigenen komfortablen Wohnmobil. „Das sieht man schon auf der Stuttgarter CMT – über die Hälfte der Messehallen sind hier mit Caravans belegt, die meisten Besucher kommen wegen des C-Teils, also wegen der Wohnmobile“, sagt Andrea Gehrlach, Prokuristin der Stuttgart-Marketing GmbH.

Der Verkauf und die Vermietung von Reisemobilen verzeichnen steile Wachstumsraten. 2016 setzte die Caravaning-Industrie annähernd neun Milliarden Euro um, ein neuer Rekord nach schon starken Vorjahren. 55 000 Neufahrzeuge wurden im letzten Jahr zugelassen – vom Einstiegsfahrzeug für ein paar 10 000 bis zum Luxus-Liner für 400 000 Euro reicht die Palette.

Die Region Stuttgart hat sich auf den Boom eingestellt.  Sie zählt insgesamt 66 Camping- und Wohnmobilabstellplätze, und damit sich Touristen über diese einen besseren Überblick verschaffen können, gibt es nun einen neuen Service:  „Willkommen Ihr Frischluftfanatiker“ werden die Camper kess auf der neuen Webseite des regionalen Tourismusbüros begrüßt, die die Suche nach dem passenden Platz übersichtlicher machen soll. Der Reisende kann entscheiden, ob er mit einem einfachen Abstellplatz zufrieden ist oder einen bequemeren Campingplatz mit Spezialausstattung ansteuern will. Dabei hat er Wahlmöglichkeiten zwischen „Komfort“ (vollständig ausgestattete Plätze), „Genuss“ (Stellplätze mit etwas Infrastruktur) oder „Natur“ (einfache Plätze im Grünen). Die Palette reicht vom Naturparadies mit Badesee bei Schwäbisch Hall bis zum Urlaub in der Stuttgarter City.

 Der einzige Campingplatz der Landeshauptstadt besteht seit  75 Jahren, liegt direkt am Wasengelände und ist nur durch einen Fußweg vom Neckar getrennt. Wilhelma, die Mineralbäder, das Fußball-Stadion, Schleyerhalle, Porsche-Arena oder auch das Mercedes-Benz-Museum sind nicht weit entfernt. Auf dem mit hohen Bäumen und dichten Sträuchern bepflanzten Gelände kommt tatsächlich Urlaubsstimmung auf. Stadtlärm: Fehlanzeige. Stattdessen hört man Vögel zwitschern und Hummeln summen.

Thomas Beyer aus Paderborn hat sein Wohnmobil gleich am Eingang abgestellt. Es ist bereits sein viertes, jedes immer eine Ecke größer als der Vorgänger. Das aktuelle Modell wiegt dreieinhalb Tonnen und ist 7,30  Meter lang. Beyer besucht seinen Sohn, der in Stuttgart wohnt und Familienzuwachs bekommen hat. Seit einer Woche campiert er in Bad Cannstatt und fühlt sich rundherum wohl. „Unser schönster Platz liegt in Schweden. Aber hier in Stuttgart ist es chillig und ruhig, und das Ganze liegt zentral. Gestern war es zwar laut, weil der VfB eine Vereinsversammlung hatte, aber um 23 Uhr war die auch vorbei.“ Wäre ein Stadt­hotel eine Alternative? „Nein“, sagt Beyer, „wir haben auch schon in Hotels übernachtet. Aber auf dem Platz ist es einfach schöner und persönlicher.“

„Camper sind oft eigenwillige Gäste. Sie sind autark und brauchen nicht unbedingt Dusche oder Bad, das haben sie im eigenen Wohnmobil“, bestätigt Andrea Gehrlach den Trend zum individuellen Urlaub. Nicht alle wollten auf einem Campingplatz stehen. „Wir freuen uns daher über Angebote von Städten und Privatpersonen, die Stellplätze auf ihren Grundstücken ausweisen wollen.“ Im vergangenen Jahr sind bereits neue Plätze in Allmersbach, Fellbach und Rudersberg dazugekommen. Welzheim und andere Gemeinden sind dabei, Plätze einzurichten.

„Wir haben hier in der Region noch viel Potenzial, wenn es um gutes Essen und Trinken geht. Es wäre doch praktisch, wenn man sein Fahrzeug in der Nähe von Winzern oder Gasthöfen stehen hat und dann nach Weinprobe oder ausgedehntem Feinschmecker-Menü in seinen Caravan steigt und dort die Nacht verbringen kann“, stellt sich Gehrlach die Zukunft vor.

Im Kiosk auf dem Stuttgarter Campingplatz verkauft derweil Ilona Wittenbeck Brötchen und Postkarten. Seit zwölf Jahren steht sie am Eingang, empfängt die Gäste und berät, wo was in der Stadt zu finden ist. „In den Ferien wird es hier so voll, dass wir einen Platzanweiser brauchen. Sonst können wir nicht alle unterbringen.“

Während das Jahr über deutsche Besucher dominieren, darunter auch viele aus der Region direkt, die ein Konzert oder Fußballspiel in Stuttgart besuchen, kommen während der Sommermonate viele ausländische Camper. „Die landen in Frankfurt, mieten sich ein Wohnmobil und fahren durch Europa.“ Auch Dauergäste gibt es, die für ein paar Monate beim Daimler schaffen. Und für das Volksfest ist der Platz schon auf Jahre hinaus reserviert. Von 6 bis 22 Uhr ist der Empfang besetzt. Danach lässt der Nachtwächter Spätankömmlinge rein.

Jürgen Kaufmann, bei der Veranstaltungsgesellschaft „in.Stuttgart“ für den Campingplatz zuständig, hat vieles erlebt. „Wir hatten schon alles auf dem Platz, Geburten und Todesfälle. Und Promis. Xavier Naidoo hat mit seinem Tross nach einem Konzert auch bei uns übernachtet. Näher zur Schleyerhalle geht nicht.“

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Strafen und Platzverweise


Wildcampen Nur auf regulären Zelt- und Campingplätzen darf offiziell im Wohnmobil übernachtet werden. Ansonsten kostet wildes Campen vor allem im Ausland häufig viel Geld. In Spanien kann die Strafe bis zu 5000 Euro betragen, in Frankreich bis 1500 Euro, in Italien und Kroatien sind die Strafen etwas niedriger. In Deutschland werden Wildcamper hingegen meist nur von der Polizei verwarnt und müssen auf einen regulären Camping-Stellplatz wechseln. Dies gilt auch für das Zelten. Lediglich Biwakieren, das Übernachten im Schlafsack unter freiem Himmel, ist meist überall gestattet. bw