Telefonseelsorge Psychisch Kranke suchen Rat

Täglich suchen Menschen aus der Region Rat. Die Gespräche wurden im vergangenen Jahr länger.
Täglich suchen Menschen aus der Region Rat. Die Gespräche wurden im vergangenen Jahr länger. © Foto: Evangelische Telefonsselsorge
Stuttgart / Von Rainer Lang 19.06.2018

Die Zahl der Anrufe bei den beiden Stuttgarter Telefon-Seelsorge-Stellen ist im Jahr 2017 gegenüber dem Vorjahr zwar zurückgegangen, von 55 651 auf 44 140. Dennoch zogen die Verantwortlichen der evangelischen und katholischen Telefonseelsorge gestern eine positive Bilanz. Gestiegen ist nämlich die Dauer der Gespräche, im Durchschnitt um zwei auf 18 Minuten.

Immer noch sind die 191 ehrenamtlich tätigen Frauen und Männer rund um die Uhr beschäftigt. 2017 haben sie täglich 121 Anrufe entgegen genommen. Von 65 auf 67 Prozent hat sich die Zahl der Anrufe erhöht, bei denen sich ein Seelsorge- und Beratungsgespräch entwickelt hat.

Erleichtert zeigten sich die Verantwortlichen, dass durch technische Umstellungen die Zahl der Daueranrufer, so genannte Mega-Caller, reduziert werden konnte. „Wir hatten Anrufer, die sich am Tag mehr als 80 Mal bei uns gemeldet haben.  Das ist jetzt nicht mehr möglich“, berichtet Krischan Johannsen, Leiter der evangelischen Telefonseelsorge. Durch die Änderung hätten Notfälle eine wesentlich höhere Chance durchzukommen. Sein Kollege Bernd Müller von der katholischen Telefonseelsorge verzeichnet seit der Umstellung „sehr viel mehr Erstanrufer“ und „tiefere Gespräche“.

Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt, dass auch bei der Telefonseelsorge wie im gesamten Gesundheitssystem psychische Erkrankungen mehr Raum einnehmen. Viele Menschen, die in psychotherapeutischer oder psychologischer Behandlung sind, suchen auch bei der Telefonseelsorge Hilfe. Sie rufen nachts oder am Wochenende an, wenn der behandelnde Therapeut nicht zu erreichen ist.

Hilfen werden vermittelt

Da ist der junge Mann, der wegen seiner Depression behandelt wird und der sich fragt, ob er seine Medikamente absetzen soll. Da ist die junge Frau, die nach dem Tod ihres Kindes nicht weiß, wie es weitergehen soll. Da ist der vom Burn-Out betroffene Angestellte, der keine Therapie in Aussicht hat. „Wir stellen fest, dass sich viele Menschen im komplexen Gesundheitssystem mit seinem Dschungel an Angeboten von ambulanter und stationärer Hilfe zunehmend verloren fühlen, sagt Martina Rudolph-Zeller.

Dagegen würden die Betroffenen bei der Telefonseelsorge mit ihren Anliegen rund um die Uhr „Zeit und Raum“ finden, betont die stellvertretende Leiterin der evangelischen Seelsorge. „Unsere große Chance ist, dass wir anders als Kliniken oder Arztpraxen nicht an Fallpauschalen gebunden sind“, betont Rudolph-Zeller. Die Telefonseesorge kann Anregungen geben und an andere Hilfsangebote vermitteln.

Thomas Krieg, der Leiter der katholischen Telefonseelsorge, stellt jedoch klar: „Wir stellen keine Diagnose und machen keine Therapie, sondern bieten seelsorgerliche Begleitung. Die Telefonseelsorge sieht sich als wichtige Ergänzung zum Gesundheitssystem. Denn sie wüssten, dass sich „da jemand meiner qualifiziert annimmt“. Die Ehrenamtlichen, 135 bei der evangelischen Telefonseelsorge und 56 bei der katholischen Stelle „Ruf und Rat“, sind dafür ausgebildet.

Knapp die Hälfte der Anrufenden ist den Angaben zufolge zwischen 40 und 60 Jahre alt. Seit Jahren rufen die meisten wegen Depressionen (21 Prozent) an. Immer mehr wegen Angstzuständen (16 Prozent). Um Einsamkeit und Isolation geht es bei zwölf, um Suizid bei drei Prozent.

„Jüngere melden sich eher über Chat und Mail“, sagt Johannsen. Chatberatung ist ein wachsender Bereich. Dafür stehen seit 2017 in beiden Stellen 35 Ehrenamtliche zur Verfügung. Im Chat liege die Suizidalität bei 17 Prozent.

Infokasten
Beratung rund um die Uhr

Struktur Die beiden Stuttgarter Telefonseelsorgen sind finanziell unabhängig und erhalten keine Gelder von den Krankenkassen. Sie bieten seelsorgerliche Beratung rund um die Uhr.

Kontakt Die evangelische Stelle ist erreichbar unter Telefon: 0800 1110111 und über die Homepage www.telefonseelsorge-stuttgart.de, die katholische unter 0800 1110222 und über die Homepage www.ruf-und-rat.de.   lan

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