Waiblingen Prävention wichtiger denn je

INGRID SACHSENMAIER 15.03.2016
Als einziger Landkreis weit und breit unterhält der Rems-Murr-Kreis seit nunmehr 16 Jahren eine 100-Prozent-Fachstelle für Rechtsextremismus. Dass sie vonnöten ist, hat die Zeit immer wieder gezeigt.

Als es im Jahr 2000 zu mehreren fremdenfeindlichen Vorfällen kommt, als ein Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Waiblingen verübt wird, beschließt der Rems-Murr-Kreis, dass braunes Gedankengut schon im Kern erstickt werden muss. Er richtet eine Fachstelle Rechtsextremismus mit einer 100-Prozent-Stelle ein, die bis heute in Süddeutschland einzigartig ist. Das war vor 16 Jahren.

Zu jener Zeit war Sonja Großhans noch im Teenageralter. Heute leitet die 30-Jährige den Fachbereich. Erst vor einigen Wochen hat sie den Posten von Gerhard Dinger übernommen, der mittlerweile Kreisjugendreferent im Fachbereich Jugendarbeit ist und damit sozusagen Großhans' Chef. Die junge Frau hat sich bereits eingearbeitet, hat ihr "Klientel" schon kennengelernt - vor allem junge Leute bis etwa 27 Jahre, in deren Kreisen rechte Ansichten gesellschaftsfähig geworden sind. Die Zielgruppe ihrer Arbeit komme heute "aus der Mitte der Gesellschaft", sagt Großhans.

Die Rechtsextremismus-Beauftragte arbeitet mit Kommunen, Initiativen und Vereinen zusammen, klärt Eltern, Jugendliche und Kinder über Rechtsextremismus auf. Sie ist oft in Schulen unterwegs. Meist auf Bitte der Lehrer, aber auch dann, wenn sie erkennt, dass in einem Ort ein "Brennpunkt" ist oder zu entstehen droht. In Unterrichtseinheiten zeigt sie auf, welche Gefahren der Rechtsextremismus birgt, dass er demokratiefeindlich ist und wie seine Sympathisanten und Anhänger ganz subtil im Internet und auf Facebook ihre Botschaften streuen und platzieren. "Rechtsextreme Tendenzen können am besten dort entstehen, wo es keine Gegenwehr gibt. Es ist also Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft, Flagge gegen Fremdenfeindlichkeit zu zeigen", sagt Großhans.

Schüler klärt Großhans auch darüber auf, wie sie Rechtsextreme erkennen. Kleidung, Schmuck und die deutschen Nationalfarben seien Merkmale. "Das Modelabel Thor Steinar ist in der Neonaziszene beispielsweise äußerst beliebt", sagt Großhans, es werde mittlerweile ausschließlich übers Internet vertrieben. Nach einem Schulbesuch erreichte sie vor wenigen Tagen der Anruf einer Schülerin, die auf Facebook eine Freundschaftsanfrage von einem jungen Mann erhalten hatte, der auf einem Bild als Schmuck eine dunkle Sonne mit Zacken trägt. Ein weiteres Symbol, weiß Großhans. Die schwarze Sonne sei ein Symbol, das aus zwölf in Ringform gefassten gespiegelten Siegrunen oder drei übereinander gelegten Hakenkreuzen bestehe. Sie empfahl dem Mädchen, den Kontakt abzulehnen. Ein Erfolgserlebnis für die Beauftragte - an Zahlen könne sie die Effekte ihrer Arbeit nicht ausmachen.

2011 macht der Rems-Murr-Kreis erneut Schlagzeilen in Sachen rechter Gewalt, als im April rund zehn Rechtsextreme in der Gemeinde Winterbach eine Grillparty von Menschen aus türkischen oder italienischen Einwandererfamilien angreifen. Sie zünden eine Gartenhütte an, in die sich einige der Migranten geflüchtet hatten - acht Menschen werden schwer verletzt. Sonja Großhans hat ihre Abschlussarbeit in Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Esslingen über diesen Fall geschrieben. Aktuell gibt es laut Polizei im Rems-Murr-Kreis keine organisierte rechtsextreme Gruppierung. Großhans beobachtet jedoch ein Personenpotenzial der extremen Rechten, das auch bundesweit vernetzt ist. Das Erscheinungsbild und auch die Menschen selbst, die sich diesen Strömungen anschließen, hätten sich stark verändert. In den vergangenen Jahren hätten sich die "Identitäre Bewegung" und die "Reichsbürger" formiert, so Großhans. "Beide sind im Rems-Murr-Kreis aktiv, wobei die ,Identitäre Bewegung Schwaben' zu ihren Stammtischen ausschließlich übers Internet einlädt und keine festen Orte im Kreis als Treffpunkt hat", sagt Großhans. "Außerdem werden, wie überall in Deutschland, fremdenfeindliche Tendenzen gegenüber Flüchtlingen beobachtet."

Die Fachstelle ist deshalb mehr denn je präventiv tätig, sie will aufklären, Dinge ins rechte Licht rücken. Und das scheint auch nötig: Bei einer Informationsveranstaltung für die Bürger von Welzheim bezüglich einer geplanten Flüchtlingsunterkunft im Februar dieses Jahres wurde öffentlich von einem Mann erklärt, eine Frau sei im Welzheimer Wald von Flüchtlingen belästigt worden. Eine Anzeige würde der Polizei vorliegen. Das Polizeipräsidium Aalen sagte dazu, dass in überschaubarem zurückliegenden Zeitraum eine solche Tat nicht passiert sei. Auch dem Leiter des Polizeipostens in Welzheim waren keine Ermittlung bekannt. "Mittlerweile weiß man, dass es zwar einen Fall sexueller Belästigung gab, allerdings konnte ein Asylhintergrund beim Täter explizit ausgeschlossen werden", sagt Großhans.

Großraum Stuttgart gehört zu Schwerpunkten

Szene Im Jahr 2014 sind der rechtsextremistischen Szene in Baden-Württemberg rund 1800 Personen zuzurechnen gewesen. Im Jahr 2015 - die Zahlen werden im Juni veröffentlicht - dürfte es keine größeren Veränderungen gegeben haben, sagt der Verfassungsschutz. Landesweite Schwerpunkte der rechtsextremistischen Szene sind im Bereich Nordbaden/Rhein-Neckar, im Großraum Stuttgart sowie mit Abstrichen im Bereich Villingen-Schwenningen beziehungsweise Schwarzwald-Baar auszumachen. Ein Brennpunkt der Szene sei im vergangenen Jahr mit dem Verbot der "Autonomen Nationalisten Göppingen" weggefallen, teilt die Behörde mit. Allgemein hätten rechtsextremistische Anti-Asyl-Demonstrationen sowie Straftaten gegen Asylbewerberunterkünfte im vierten Quartal 2015 bundesweit stark zugenommen.