Gesellschaft Paradiesvögel reagieren auf Politiker

Die bunte Parade bringt Partystimmung in der Innenstadt. Aber auch ernste Themen werden aufgespiest.
Die bunte Parade bringt Partystimmung in der Innenstadt. Aber auch ernste Themen werden aufgespiest. © Foto: Arnulf Hettrich/Imago
Von Uwe Roth 30.07.2018

Heftige Böen kommen immer wieder auf. Die Augen wandern vom bunten Treiben kurz zu den Wolken. Wind wirbelt die Kunstfedern der Paradiesvögel unter den Teilnehmern der Christopher-Street-Day-Parade (CSD) am Samstag in Stuttgart durcheinander. Aber ansonsten können die Dragqueens das machen, was die Männer in schrillen Kostümen bei einer solchen Gelegenheit gerne tun: Sich posen vor unzähligen Smartphones und Kameras. Entgegen der Gewitterprognosen hält, abgesehen vom Wind, das Wetter. Der Veranstalter ordnet die Zahl der Zuschauer zwischen 175 000 und 200 000 ein, die zwischen Marienplatz und Schlossplatz zuschauen. Wolken und Wind machen die Temperaturen in diesem Jahr erträglich.

Etwa 6500 bis 7000 Teilnehmer hat der Zug durch die Innenstadt. So genau weiß es Veranstalter Christoph Michl nicht. 93 Zugnummern haben sich die Menschen in den unterschiedlichen Outfits angeschlossen. Das sei Rekord, sagt der Geschäftsführer der CSD-Interessensgemeinschaft zufrieden. Schon zum 39. Mal findet die Parade in der Landeshauptstadt statt. Nächstes Jahr werde der 40. Zug groß gefeiert, kündigt Michl an. War im vergangenen Jahr das Motto „Perspektivwechsel“, ist es diesmal „Expedition wir“. Die Gesellschaft sei das „Wir“. Jeder sei ein Teil von ihr, so der Idee der Veranstalter hinter dem Slogan.

Ansonsten sind die Botschaften gleich geblieben: Mit der Öffnung der Ehe für Schwule und Lesben habe die politische Bewegung, zu der ebenso bisexuelle, transsexuelle, transgender und intersexuelle Menschen gehörten, ihre Ziele lange nicht erreicht. Michl mahnt wiederum, die Community dürfe sich „nicht auseinanderdividieren lassen“ und bedankt sich für die Unterstützung der Heteros, ohne denen sich politische Veränderungen nicht durchsetzen ließen.

Die Zwölftonner-Partytrucks bringen mit ihren Riesenlautsprechern und mit entsprechend lauter Musik die Menge in Schwung. Das ist in jedem Jahr so. Doch diesmal scheint der Auftritt der Teilnehmer politischer. Das Verhalten von Trump, Erdogan, die AfD und seit neuestem Horst Seehofer von der CSU sind an der Community nicht spurlos vorbeigegangen. „Lesben gegen Alice Weidel“ steht auf einem Transparent. Die Spitzenpolitikerin der AfD – einigen Führungskräften der Partei werden schwulenfeindliche Äußerungen nachgesagt – lebt in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung.

„Putin, Trump, Seehofer – who ist the real monster“ („wer ist das wahre Monster“) steht auf einem anderen Plakat. „Ich wünschte, mein Sex wäre so schmutzig wie die Politik der CSU“, lautet ein anderer Spruch. Türkische Paradeteilnehmer, die sich zu ihrem Anderssein bekennen, werden von den Zuschauern besonders beklatscht. „Das Klima in der Gesellschaft ist stark aufgeladen“, stellt Michl fest. „Deswegen wollen wir vor allem das Verbindende aufzeigen.“ Es fällt ebenfalls auf, viele junge Leute laufen in der, wie es die Veranstalter selbst nennen, Polit-Parade mit. Sie stellen nicht irgendeine Präferenz zur Schau, sondern werben mit ihrer Teilnahme schlicht für Toleranz und Gleichstellung.

Judith Skudelny ist die CSD-Schirmfrau 2018. Die FDP-Bundestagsabgeordnete aus Stuttgart hat für eine größere Gruppe Liberaler in der Parade gesorgt. Skudelny erinnert an die Anfänge der CSD-Bewegung und die Fortschritte seither. Auch sie greift indirekt die AfD an, in dem sie auf eine Partei verweist, „die Intoleranz in den Bundestag gebracht hat“. Sie sagt, „das kann man so nicht stehen lassen. Wir müssen weiterkämpfen für ein tolerantes Deutschland.“

Gegen 19 Uhr endet die Abschlusskundgebung. Alles ist bis dahin friedlich geblieben. Polizei ist kaum zu sehen. Die Veranstalter haben eine große Zahl an Sicherheitskräften organisiert. Auf Schiller- und Marktplatz wird Politik dann vollends zur Party.

Infokasten
ChrisTine Urspruch fährt auf einem Wagen mit

Christopher Street Day (CSD) steht für das Selbstbewusstsein Homosexueller und ihren Widerstand gegen Diskriminierung. Im Englischen spricht man meist von „Pride“-Paraden. Der Tag erinnert an Vorfälle um den 28. Juni 1969 in New York. Nach einer Polizeirazzia in einer Bar kam es zum Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen mit Straßenschlachten in der Christopher Street.

ChrisTine Urspruch fuhr auf einem der Wagen mit, weil sie beim CSD für die ZDF-Serie „Dr. Klein“ drehte. „Es ist mein erster CSD, den ich live erlebe“, sagte sie. Der CDS verbinde Party mit Demonstration. dpa

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