Lebensstil Ohne Auto durch den Alltag

Andrea Herrmann wohnt in Bad Cannstatt, weil hier viele Bahnen und Busse abfahren.
Andrea Herrmann wohnt in Bad Cannstatt, weil hier viele Bahnen und Busse abfahren. © Foto: Caroline Holowiecki
Stuttgart / Caroline Holowiecki 01.02.2019

Ja, es gibt diese Momente in Andrea Herrmanns Leben, in denen sie sich wünscht, einen anderen Entschluss gefasst zu haben. Jüngst, als sie drei Stunden am Darmstädter Bahnhof auf ihren verspäteten Zug warten musste, war ein solcher Moment. Auch wenn das Wetter sehr mies ist oder das Gepäck sehr schwer, blitzt der Gedanke auf. Dann hätte sie gern ein Auto. Einfach einsteigen und losfahren.

Doch Andrea Herrmann hat sich vor mehr als 25 Jahren anders entschieden. Aus Prinzip. Zum einen führt die promovierte Physikerin Umweltschutzgründe an, zum anderen bezeichnet sie Verzicht als ihre Philosophie. „Ich bin ein Fan des einfachen Lebens. Und ein Auto ist etwas, das man wirklich nicht braucht.“

Ob Einkauf, Geschäftsreise oder Besuch: Andrea Herrmann nimmt öffentliche Verkehrsmittel, sie radelt, und am liebsten entspannt sie beim Marsch. Dabei besitzt sie durchaus einen Führerschein, auch käme der bundesweit tätigen IT-Trainerin ein fahrbarer Untersatz oft zupass. „Manchmal wird es knifflig“, bekennt sie, etwa, wenn ihr Zielort weit außerhalb liege. Dann müsse sie sich ausnahmsweise auch mal mit einem Taxi behelfen.

In Stuttgart wiederum sei die Auto-Askese kein Problem. Die 47-Jährige hat sich Bad Cannstatt als Wohnort ausgesucht, denn hier fahren Regional-, S- und U-Bahnen sowie Busse. Planung sei die halbe Miete. Möbel etwa lasse sie sich liefern, den Einkauf stückle sie. „Wenn ich einen Sack Kartoffeln kaufe, ist das Waschmittel eines zu viel.“ Wichtig sei, stets die richtige Kleidung und bequem tragbare Taschen dabei zu haben. Zudem erleichterten viele Apps die Orientierung.

Andrea Herrmann leitet die Regionalgruppe des Vereins „autofrei leben!“ und ist auch im Hauptverein mit Sitz in Berlin aktiv. Um die 200 Gleichgesinnte engagieren sich hier – es könnten mehr sein, findet sie, denn immerhin lebten gerade in Berlin 50 Prozent ohne Auto, in anderen Großstädten 30 bis 40 Prozent der Einwohner.

Um mehr Leute auf den Geschmack zu bringen, hat Andrea Herrmann ihre Erfahrungen niedergeschrieben. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern hat sie 2018 das Buch „Besser leben ohne Auto“ herausgebracht, zuvor schon eine Aussteigerbroschüre. Dass in der Autostadt Stuttgart nun Fahrverbote verhängt wurden, sieht die KfZ-Gegnerin als Bestätigung. Ein Umdenken in der Gesellschaft nehme sie durchaus wahr, aber „manchmal herrscht Frust im Verein, dass es so lange dauert, bis sich etwas ändert“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel