Die Obdachlosen stören Rafael Rozos. "Hier schlafen sie immer", sagt der junge Mann und deutet aus dem Schaufenster des Lottoladens Eckert auf den Rotebühlplatz. Sie kommen in der Regel abends und drehen laute Musik auf. Und es sind stets viele. "Das stört sehr und ist auch geschäftsschädigend", schimpft Rozos. "Die Leute, die vorbeigehen, denken: ,Was ist das für ein Assi-Laden?'"

Mit seinem Ärger steht Rozos nicht allein, zu Hoch-Zeiten gehen täglich etwa zehn Beschwerden beim Ordnungsamt ein. Es sind vor allem Osteuropäer, die in den Unterführungen an der Haltestelle Rotebühlplatz und der Klettpassage schlafen und betteln. Beides ist nicht erlaubt. Die Plätze sind öffentlicher Bereich; Übernachten und aggressives Betteln sind verboten. Stilles Betteln sei zwar okay, sagt der Sachgebietsleiter beim Ordnungsamt, Hans-Jörg Longin. Aggressives Betteln dagegen, bei dem Passanten im Fortbewegungsfluss gestört werden, oder das Betteln mit Kindern, Tieren oder dem Zurschaustellen von Krankheiten sind verboten. Singende Bettler müssen alle 30 bis 60 Minuten den Standort wechseln.

Die meisten Personen, die dort kontrolliert werden, seien bekannt, sagt Polizeisprecher Thomas Geiger. Hauptsächlich sind es Familienclans aus Rumänien, Ungarn und der Slowakei, einige wenige aus Bulgarien, zählt Longin auf.

"Wenn wir jemand sehen, der in der Klettpassage oder am Rotebühlplatz übernachtet, werden seine Personalien aufgenommen und er bekommt einen Platzverweis ausgesprochen", sagt Geiger. Wenn die Person dann geht, sei alles in Ordnung und der Fall erledigt. Oft bieten Polizisten an, in der Notunterkunft der Stadt unterzukommen. Die meisten wollen aber nicht. Warum das so ist, kann Geiger auch nicht sagen. Ein Grund könne sein, dass Hunde dort nicht erlaubt sind.

Weigern sich die Obdachlosen, das Feld zu räumen, kommt es routinemäßig zu einer Anzeige wegen "Verstoßes gegen einen Platzverweis". 40 bis 50 solcher Verweise mit Geldbußen werden in der Stadt pro Jahr verteilt. Wenn es aber zu dem Zeitpunkt extrem kalt sei, könne es auch vorkommen, dass die Beamten ein Auge zudrücken. "Da ist das Fingerspitzengefühl der Kollegen gefragt", sagt Geiger.

Ulrich Kopp von der Agentur Pepper and Salt betreut die Werbegemeinschaft der Mieter in der Klettpassage. Auf die Unterführung vor dem Hauptbahnhof angesprochen, schickt er voraus: "Die Klettpassage ist einer der sichersten Plätze in Stuttgart!" Der Eindruck sei natürlich ein anderer, weil "sich da Leute aufhalten, mit denen man sich normalerweise nicht umgibt". Aber schließlich sei es öffentlicher Raum und jetzt, zum Wintereinbruch, sei die Passage eben ein attraktiver Platz für Obdachlose. Gefährdet seien Passanten normalerweise nicht. "Es ist hauptsächlich das Gefühl, das man hat, beim Durchgehen." Da gebe es noch ganz andere Orte in Stuttgart, die viel unsicherer seien, sagt Kopp. "Der Rotebühlplatz zum Beispiel - dagegen ist die Klettpassage wunderschön."

Wie man den unerwünschten Besuchern beikommen könnte, hat Kopp sich überlegt: Klassische Musik soll Abhilfe schaffen. Mit der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) sei schon lange eine Durchsageanlage in Planung, über die dann eben auch beispielsweise die Musik von Haydn oder Mozart abgespielt werden kann. "Bestimmte soziale Randgruppen verschwinden dann", sagt Kopp. Andere "Problem-Haltestellen" haben es vorgemacht, in Hamburg werde beispielsweise fast überall Klassik gespielt. "Das Gedudel geht einem irgendwann so auf den Wecker, dass man sich dann eben lieber einen anderen Platz sucht", sagt Kopp.

Die Aufenthaltsqualität für die Gruppen verschlechtern, so dass sie sich woanders lieber aufhalten, das ist die einzige Handlungsmöglichkeit, die Kopp für sich sieht. Dass es sich dabei nur um eine Verdrängung des Problems handelt, ist ihm klar. "Personen werden von A nach B geschoben und von B nach C." Klassische Musik sei immerhin nichts, "bei dem man hinterher ein schlechtes Gefühl haben muss."

Auch Longin kommt mit seinen ordnungsrechtlichen Maßnahmen nicht weit. "Da muss was auf der politischen Schiene passieren, die Leute müssen eine Alternative in ihrer Heimat bekommen."

Zweischichtbetrieb im Ordnungsamt

Kontrollen Für permanente Kontrollen fehlt dem Ordnungsamt das Personal. Zu viele Aufgaben, zu wenig Mitarbeiter, sagt Sachgebietsleiter Longin.

Personal 57 Voll- und Teilzeitkräfte sind beim Ordnungsamt Stuttgart angestellt. Von 6 Uhr früh bis 22 Uhr arbeiten die städtischen Mitarbeiter im Zwei-Schichtbetrieb.

Aufgaben Neben den Kontrollen von Obdachlosen und Bettlern überprüfen die Mitarbeiter beispielsweise die Haltung von Tieren, den Umweltschutz oder die Zwangsstillegung von Fahrzeugen.

Beschwerden Oft werden Mitarbeiter des Ordnungsamts bedrängt, wenn sie Personen kontrollieren, sagt Longin. Das gehe bis hin zu Beleidigungen.