Zukunft Nur bedingt innovativ

Stuttgart ist trotz Hightech-Industrie und glitzernden Fassaden – hier das Dorotheenquartier – noch keine „Smart City“.
Stuttgart ist trotz Hightech-Industrie und glitzernden Fassaden – hier das Dorotheenquartier – noch keine „Smart City“. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Tilman Baur 01.09.2018

Per App bedienbare Geschirrspüler und Waschmaschinen, autonom fahrende Autos, Roboter, die den Hausmüll abholen, eine Stadtverwaltung, die ihren Bürgerservice komplett via Internet abwickelt – all das sind Komponenten des Konzepts „Smart City“, der schlauen Stadt also, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten unser Leben prägen wird.

Einzelstadtrat Ralph Schertlen von der Wählervereinigung „Die Stadtisten“ hat am Donnerstagabend zwei Experten ins Rathaus gebeten, um Einblicke in die Städte der Zukunft zu geben. Beim Technologieriesen Bosch habe man das Thema „Smart City“ schon lang im Auge, erklärte Wolfgang Volz, Projektmanager des Unternehmens.

Die schlaue Stadt wolle technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt systematisch und nachhaltig mit ökologischer Balance verbinden. Ein schwieriges Unterfangen, doch die weltweite demografische Entwicklung zwingt zum Umdenken: Bis zum Jahr 2050 würden 70 Prozent der Menschen in Städten wohnen, sagte Volz.

Kern einer „Smart City“ ist das sogenannten Internet der Dinge („Internet of Things“). Es propagiert die totale Vernetzung physischer und virtueller Gegenstände über alle Sparten hinweg – von der Mobilität und Industrie über Energie und Gebäude bis hin zu Gebrauchsgütern.

Zu wenig Start-Ups

„Es geht um zukunftssichere Lösungen, die auch wertsteigernd sind“, so Volz. Beim Bau neuer Gebäude oder Quartiere zum Beispiel sei der Blick auf die technologische Zukunft unentbehrlich. Schließlich würden sie auf 50 oder 100 Jahre hin gebaut.

„Da stellt sich zum Beispiel die Frage, ob wir vor dem Hintergrund des autonomen Fahrens und von Car-Sharing überhaupt noch Garagen bauen sollen“, erklärte Volz.

Alanus von Radecki vom Vaihinger Campus des Fraunhofer Instituts stellte die „massiven Herausforderungen“ dar, vor denen die Welt stehe. Zwar bildeten Städte nur zwei Prozent der globalen Landmasse. Gleichwohl produzierten sie bald 75 Prozent der klimaschädlichen Emissionen, und 80 Prozent des globalen Energieverbrauchs gingen ebenfalls auf ihre Kosten.

Trotzdem sei die Chance auf Wandel groß. Denn während Nachhaltigkeit früher mit Verzicht gleichgesetzt wurde, erkenne die Politik „Smart Citys“ mittlerweile als attraktives Thema an, mit dem man Wahlen gewinnen könne. „Man sieht, dass man eine Stadt lebenswerter und nachhaltiger machen und gleichzeitig die Wirtschaft befeuern kann“, so von Radecki. Das habe auch Oberbürgermeister Fritz Kuhn erkannt. „Ich würde mich aber freuen, wenn er es noch mehr erkennen würde“, so der Experte.

Denn im Vergleich mit den 30 großen Schwarmstädten Deutschlands gibt Stuttgart nicht überall ein gutes Bild ab. Fraunhofer hat deren Zukunftsfähigkeit getestet. Grundlage für die Untersuchung war der sogenannte Morgenstadt-Index, der vier Kriterien einer Smart City festlegte. Demnach muss eine Stadt lebenswert sein, widerstandsfähig, umweltgerecht und innovationsfähig. So ist Stuttgart zwar die Hauptstadt der Patente, doch nur bedingt innovativ. Es gebe hier deutlich weniger Start-Ups als in München oder Berlin, die Stadt schaffe keine Experimentierfelder für Neues – sogenannte „lebende Labore“ – und habe keine „Smart-City“-Strategie.

Weil Stuttgart stark von den großen Automobilunternehmen abhängig ist, schneidet die Stadt auch beim Thema Widerstandsfähigkeit schlecht ab – sollte die Auto-Industrie kriseln, wäre die ganze Region betroffen.

Umweltfreundlich ist Stuttgart bekanntlich trotz vieler Wälder auch nicht. Was eine Stadt in Zukunft lebenswert macht, sieht man in Karlsruhe: Die Badener können eine hohe Luftqualität, ein gutes Radnetz, viele Grünflächen und einen guten öffentlichen Nahverkehr vorweisen.

Erfolgreiche Wirtschaftsregionen wie Stuttgart tun sich von Radecki zufolge oft schwer, einen Wandel zu vollziehen. Es fehle schlicht am Leidensdruck.

Ziel ist eine höhere Lebensqualität

Mehr Effizienz Smart City ist ein Sammelbegriff für gesamtheitliche Entwicklungskonzepte. Sie haben das Ziel, Städte effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver zu gestalten.  Dabei spielen technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Innovationen wie die Digitalisierung eine Rolle. 

Moderne Technologien Kern des Konzepts ist die Vernetzung aller Dinge. Eine Smart City vernetzt moderne Technologien aus den Bereichen Energie, Mobilität, Stadtplanung, Verwaltung und Kommunikation so miteinander, dass die Lebensqualität für die Bewohner steigt. Gleichzeitig profitiert die Nachhaltigkeit der Stadt. tjb

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