Von Barbara Wollny

Die städtische Wohnungsbau-Gesellschaft SWSG besitzt in der Stuttgarter Altstadt 39 Häuser mit 211 Wohnungen und kauft weiter auf, was sie im Leonhards- und Bohnenviertel bekommen kann, um den Strukturwandel der Quartiere voranzubringen. „Wir wissen, dass wir nur einer von vielen Eigentümern hier sind. Aber wir wollen mit unseren Baumaßnahmen maßgeblich zur Verbesserung der Quartiere beitragen, dabei aber keine Puppenstube einrichten“, erklärt SWSG-Vorsitzender Samir Sidgi.

Zwischen Wilhelms- und Charlottenplatz finden sich in diesen beiden Stadtquartieren die letzten Reste des mittelalterlichen Stuttgarts. Die heute zentral in der Stadt gelegene Viertel sind im 15. Jahrhundert als erste Stadterweiterung außerhalb der Stadtmauer entstanden. Davon legt heute noch der renovierte Schellenturm Zeugnis ab. Läuft man durch die schmalen Gassen an den alten Hausreihen entlang, fühlt man sich in eine andere Stadt versetzt.

Im Bohnenviertel wurden große Teile des Altbestands bereits in den 70er und 80er Jahren abgerissen und neu gebaut. Die von englischen Architekten geplanten Townhouses zwischen Charlotten- und Rosenstraße mit Hinterhöfen, Gärten und Spielplätzen stehen seit Mitte letzten Jahres unter Denkmalschutz und sind damit Stuttgarts jüngstes Denkmalschutzobjekt.

Insgesamt präsentiert sich das Bohnenviertel heute als kleinräumiges, ruhiges und weitgehend saniertes Wohnquartier, das durch gepflegte Gewerbebetriebe, ansprechende Gastronomie und inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte aufgewertet wird. Dabei sind 90 Prozent der SWSG-Wohnungen belegungsgebunden, das heißt für Mieter mit kleineren Einkommen reserviert. Die Durchschnittsmieten von 7,80 Euro liegen weit unter dem Mietpreisspiegel für innerstädtische Wohnlagen.

„Die entscheidende Frage ist: Möchte ich auch hier wohnen? Wenn die Frage mit ja beantwortet wird, haben wir alles richtig gemacht“, sagt SWSG-Vorsitzender Samir Sidgi über das Bohnenviertel. „Wir erleben hier ein sehr harmonisches Miteinander der unterschiedlichen Bewohner mitten in der Stadt.“ Seit 2013 steuert die Gesellschaft aus einem eigenen Stadtteilbüro in der Rosenstraße die Arbeiten.

Zuviel Idylle könnte auch Begehrlichkeiten wecken und eine zahlungskräftige Klientel anlocken, die bereit ist, viel für dieses attraktive Wohnen zu bezahlen. Das wird von der SWSG sehr genau beobachtet.  „Leute, die hier leben, sollen es sich weiter leisten können. Wir wollen den Strukturwandel ohne Vertreibung der bisherigen Bewohner.“

In den vergangenen vier Jahren hat die SWSG mehr als fünf Millionen Euro vor allem in Instandhaltung und Modernisierung investiert, wie in die Fassadenrenovierungen in der Rosenstraße. Hier besitzt die SWSG elf Gebäude, sechs davon stehen unter Denkmalschutz. Auch in der Weber-, Brenner- und Pfarrstraße wurden Gebäude renoviert, Handwerk, Handel und Gastronomie angesiedelt.

Anders ist die Lage im Leonhardsviertel, das häufig mit Prostitution und Drogen in die Schlagzeilen gerät. „Die Struktur im Gebiet ist weiter nicht problemfrei“, berichtet Christian End, Leiter des SWSG-Kundencenters vor Ort. Die SWSG unterstützt die Ziele der Stadt, durch Baumaßnahmen Kontrapunkte zum Rotlicht-Milieu zu schaffen. Eine wichtige Rolle sollen hierbei Gastronomiebetriebe übernehmen, die neue Besucher in das Viertel bringen.

Beispiele dafür sind der Umbau der ehemaligen Kneipe „Finkennest“ in die Bar „Korridor“ in der Weberstraße. Statt verdunkelter und vergitterter Scheiben kann man heute durch große Fenster in die Räume blicken und dabei entscheiden, ob man hier sein Bier trinken möchte. Ebenfalls sensibel saniert wurde das Lokal „Weißes Ross“, das jetzt „Ciao, Amore“ heißt. Hier wurden die alten Dielen, Fliesen und der Stuck der Gründerzeit freigelegt. Damit ist kein Hochglanzlokal entstanden, sondern eine gemütliche Altstadtkneipe, die ein breites Publikum anziehen kann.

Ein Teil der Probleme wird auf die Insellage des Viertels zurückgeführt. Auf der einen Seite schneidet die Stadtautobahn B 14, auf der anderen Seite das Züblin-Parkhaus das Leonhardsviertel von der Umgebung ab.  Der für 2023 geplante Abriss des 1963 gebauten Parkhauses sowie die Internationale Bauausstellung 2027 sollen das Quartier voranbringen.

Infokasten

Zusammenführung zweier Viertel

Kurz vor Weihnachten wurden dem Umwelt-und Technikausschuss der Stadt die möglichen Projekte für die Internationale Bauausstellung 2027 vorgestellt. Darunter befindet sich auch das Projekt Leonhardsvorstadt, zu der das Bohnen- und Leonhardsviertel zusammengeführt werden soll. Die städtische IBA-Beauftragte Alice Kaiser will hier durch Nachbarschaftsprojekte eine neue Ortsmitte schaffen.

Bis Ende Februar soll der Gemeinderat entscheiden, welche Pläne verfolgt werden. bw