Auf dem Sims steht ein Eisenbahnwaggon, an der Wand hängt ein großes Luftbild mit dem geplanten Gleisverlauf von Stuttgart 21. Hier sitzt ein großer Fan des Bahnprojekts, könnte man meinen. Doch wer Peter Maile kennenlernt, merkt schnell: Der Bahnhof ist dem 54-Jährigen ziemlich egal, und die Proteste gegen das Projekt auch. Was für den S-21-Seelsorger zählt, sind die Menschen, die auf der Baustelle leben und arbeiten.

Der katholische Diakon gilt als einer von ihnen. Die Arbeiter sprechen von "dem Peter", ohne künstliche Ehrerbietung, aber mit Respekt. Rund 2500 Menschen schaffen an dem Projekt - vom Ingenieur bis zur Reinigungskraft. Maile kümmert sich um etwa 2000 davon. Seine Zuständigkeit reicht von Stuttgart bis nach Temmenhausen auf der Alb. So reist er mal zu diesem Tunnel, mal zu jener Baustraße. In seinem Büro verbringe er nur etwa ein Drittel der Zeit.

Sein fester Vorsatz: Jedes Jahr will der gelernte Heizungsinstallateur mindestens eine Schicht mitarbeiten. Dann setzt er den Helm auf, zieht die Weste und seine Schuhe mit Stahlkappen an und geht unter die Erde. 2014 hat er erst im Fildertunnel Hand angelegt, dann noch im Steinbühltunnel. Mitarbeiten heißt zehn Tage Vortrieb, kein Tageslicht aber Lärm und Dreck ohne Ende. Heißt schaffen bis zur Erschöpfung, abends nur noch duschen wollen und ins Bett. Maile macht die volle "Dekade" mit. Danach versteht er noch ein bisschen besser, wie sich die Mineure fühlen.

"Es sind harte Jungs mit einem weichen Herzen", sagt er. Die Tunnelbauer kämen oft aus Mittel- und Südeuropa, die Logistiker häufig aus Osteuropa. Nur wenige wohnen in Stuttgart. Einsamkeit und Heimweh sind häufige Themen auf der Baustelle. Die meisten können es kaum erwarten, heimzufahren - um dort zu merken, dass die fünf Tage Pause zu kurz sind.

"Ich gebe jedem die Hand, schaue ihm in die Augen und frage: Wie geht es dir gerade?" Wenn der Frust sich Bahn brechen will, hat er ein offenes Ohr - und viel Respekt. "Auf den Schultern der Mineure und Ingenieure liegt so vieles, was die Öffentlichkeit nicht sieht."

Als er vor zwei Jahren seine Stelle antrat, waren die heftigsten Proteste gegen das Bauprojekt durch. Schlichter wollte Maile auch nie sein, lieber ein Kämpfer für faire Arbeitsbedingung. "Ausbeutung geht gar nicht", sagt der Betriebsseelsorger. Er wolle eine saubere Baustelle. Viel zu beanstanden gebe es hier nicht. "Wenn was vorkommt, dann regel ich das von Mensch zu Mensch." Auch schlimme Unfälle blieben ihm bislang erspart. "Zum Glück!"

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat den Posten zunächst für drei bis fünf Jahre eingerichtet. Den möchte Maile auch als Mittler ausfüllen. Neulich hat er eine Nonne mit auf die Baustelle gebracht. Ihre nahbare Art habe mächtig Eindruck bei den Jungs hinterlassen. "Da trifft sich Ordenswelt mit Baualltag." Viele Arbeiter seien religiös oder zumindest offen. Wichtig sei die Heilige Barbara als Schutzpatronin der Bergleute. An ihrem Tag, dem 4. Dezember, gebe es oft eine Andacht im Tunnel.

Maile ist aber kein Heile-Welt-Garant: Bei Streitereien müssen sich seine Jungs durchaus fragen lassen, welchen Anteil sie haben. Und wenn ein Bauarbeiter ein sexuelles Abenteuer sucht, erinnert ihn der Diakon an seine Familie. Dennoch gilt er als "das freundliche Gesicht" der Baustelle. "Mit ihm verbinden alle etwas Nettes", lobt Christian Philipp von der Bahnbaugruppe Service. Mit seiner aufgeschlossenen Art sei "der Peter" die Konstante auf der Baustelle, auf der die Fluktuation sonst groß ist.

Neben dem Eisenbahnwaggon auf dem Sims in Mailes Bürocontainer liegt ein Stein. "Grüß Gott und Glück Auf" steht in schwarzer Schrift darauf. Der Diakon nimmt ihn in die Hand und betrachtet die Einschlüsse, die im Deckenlicht funkeln. Mit einem Anflug von Rührung zeigt er auf die Unterschriften am Boden. "Den habe ich im Steinbühltunnel bekommen, als Andenken."

Leben und Glauben verbinden

Handwerker Peter Maile wurde in Röhlingen bei Ellwangen geboren. Sein Vater hatte eine Schreinerei und Landwirtschaft, also erlernte auch er ein Handwerk: Heizungsinstallateur.

Berufung Der Tod eines Kumpels und eine ergreifende Fürbitte brachten ihn "in Bewegung", wie er sagt. "Ich habe gemerkt, dass ich Leben und Glauben verbinden möchte." 1996 wurde er zum Diakon geweiht. Von 2000 bis 2012 arbeitete er in der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen. Zuvor hatte er in Bad Saulgau Erfahrungen in der Gemeinde- und Betriebsseelsorge gesammelt.

Privatmensch Der Diakon ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. In seiner Freizeit liest er gern, zum Beispiel gesellschaftkritische Bücher. Außerdem geht er joggen und schwimmen.