Stuttgart Mit gängigen Schönheitsidealen aufräumen

Hannelore Kober experimentiert gern mit Stoffen und Materialien wie hier mit Lackstreifen.
Hannelore Kober experimentiert gern mit Stoffen und Materialien wie hier mit Lackstreifen. © Foto: Hannelore Kober
Stuttgart / MELANIE AXTER 13.08.2016
Die Künstlerin Hannelore Kober will eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Stuttgarts Next Pop Model“ starten. Dabei kann jeder zum Model werden.

Hannelore Kobers großzügig geschnittene Wohnung in Stuttgarts Stadtmitte mutet ein wenig wie ein Modeatelier an. Auf einer Schaufensterpuppe hat sie ein Kleid drapiert, in Weiß und mit apricotfarbenem Muster. Erst bei näherer Betrachtung bemerkt man, dass das Oberteil zwei weibliche Brüste abbildet. Mit dem Busen „vorneraus“ sei sie auf einer Performance aufgetreten, sagt die Künstlerin.

Kober, eine zierliche Frau mit schmalem Gesicht, großen Augen, hat Malerei und Grafik an der Kunstakademie Stuttgart sowie Kunstgeschichte studiert und mit ihren Performances eine körperbetonte, teils provozierende künstlerische Ausdrucksform gefunden. Zusammen mit ihrem Mann produziert sie außerdem künstlerische Filme sowie Filme für Unternehmen.

„Ich nutze meinen Körper als Kunstfläche. Und das Kleid, die Hülle hat für mich eine gewisse Aussage“, erklärt sie. In der Gesellschaft existierten verschiedene Kleiderordnungen, so etwa auch in der Kirche oder im Geschäftsleben, und diese wiesen dem Menschen einen gewissen Platz zu. Gern bringt Kober daher etwas Unordnung in die herrschenden Dresscodes und irritiert das Publikum mit ihren Outfits. Aus dem Dekolleté eines feminin geschnittenen Kleids ließ sie schon mal ein Brusttoupet sprießen, auf S-21-Demos trat sie nach dem „Schwarzen Donnerstag“ im September 2010 als Polizistin auf.

Für Kobers neuestes Projekt hat Heidi Klums bekannte Show „Germany’s Next Top Model“ die Vorlage gegeben. Der Titel lautet „Stuttgarts Next Pop Model“, die Künstlerin versteht es als Gegenmodell zu Magerwahn und oberflächlichem TV-Format. Dabei will sie nicht falsch verstanden werden: „Ich finde Mode auch gut und ,Germany’s Next Top Model’ sehr unterhaltsam“, fügt sie hinzu. Doch die Überidealisierung eines bestimmten Aussehens – meist junger, schlanker, schöner Frauen – gefalle ihr nicht. „Die etwas Dickeren fühlen sich dadurch sehr schlecht und stehen nicht zu ihrem Körper.“ Den Einfluss der gängigen Schönheitsideale hält die Künstlerin folgerichtig für nicht gesund. „Wir frönen der Ästhetik und dem Materiellen, aber es ist nur die Verpackung, nicht das Innere.“ Um dem etwas entgegenzusetzen, plant Kober derzeit eine Kunstaktion am 20. Oktober in der Galerie der Stuttgarter Volkshochschule am Rotebühlplatz.

Im Zentrum steht eine Modenschau, für die Kober noch Models sucht. Konfektionsgröße und Alter spielten keine Rolle. Es dürften sich gern auch stämmigere Menschen melden. Diese können auf der Vernissage im selbst kreierten Kostüm auftreten. „Wer nicht weiß, wie er sich präsentieren möchte, mit dem entwickle ich ein Kostüm“, so die Künstlerin. Die Teilnehmer dürften auch eine eigene Performance bieten. Die Veranstaltungsreihe umfasst außerdem einen Workshop übers Kleidermachen sowie einen Diskussionsabend mit einem Seminar zum Thema Performance.

www.hannikober.de

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