Von Caroline Holowiecki

Der war‘s! – In alten Krimis ist die Szene beliebt, in der mehrere Männer hineingeführt werden und das Mütterchen hinter der verspiegelten Scheibe jenen Ganoven identifizieren muss, der die Bank überfallen oder eine andere Tat begangen hat. Mit der Realität hat das aber recht wenig zu tun – und das nicht nur wegen der komischen Gegenüberstellungsszene.

Tatsächlich haben nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung überdurchschnittlich gute Fähigkeiten, Gesichter wiederzuerkennen. Das haben Forscher der Universität Greenwich herausgefunden. Super-Recogniser nennen sie jene Menschen, die diese besondere kognitive Gabe haben. „Recognise“ ist das englische Wort für „erkennen“. Wie gut zu wissen, dass bei der Stuttgarter Polizei ausnehmend viele Super-Recogniser arbeiten.

Im vergangenen Oktober hat das Polizeipräsidium Stuttgart gemeinsam mit der Uni Greenwich das Talent der Kollegen wissenschaftlich untersucht. Ein Großteil der etwa 2200 Polizisten in Stuttgart hat den Kurz- und Langzeiterinnerungstest auf freiwilliger Basis absolviert. Das Ergebnis: Insgesamt 50 Kollegen können sich Gesichter besonders gut merken, also deutlich mehr als ein bis zwei Prozent. „Wir sind zufrieden“, sagt der Kriminalhauptkommissar Sascha Brandt, der für das Projekt maßgeblich verantwortlich ist.

Interessiert hatten sich der Kriminalhauptkommisar und seine Kollegen für das Thema erstmals nach der Silvesternacht 2015 auf 2016. Nach den sexuellen Übergriffen in Köln hatten Super-Recogniser aus London die deutschen Beamten bei den Ermittlungen unterstützt. Danach war in der Landeshauptstadt die Idee gereift, herauszufinden, ob auch hiesige Kollegen den Super-Blick haben. „Wir dachten, das könnte auch fürs Polizeipräsidium Stuttgart einen Mehrwert haben“, erklärt Sascha Brandt.

Eine der 50 ist Sandra Kloschek. Nach einer Woche konnte sie im Test Gesichter wieder zuordnen. Der 44-jährigen Kriminalhauptkommissarin war zuvor nicht bewusst gewesen, dass sie eine besondere Begabung hat, wie sie sagt. „Für mich war das normal.“

Fähigkeit ist angeboren

Wie genau Sandra Kloschek vorgeht, was sie sich besonders einprägt, kann sie nicht benennen. Nur so viel: Sie betrachte ein Gesicht zunächst als Ganzes, danach dann einzelne Punkte. Augen, Nase, Haaransatz, Kinnform. Sascha Brandt bestätigt, dass die Fähigkeit angeboren ist. Denn: „Man kann sie nicht fördern oder schulen“.

Stuttgart nimmt laut dem Kripo-Beamten mit dem Test bislang landesweit eine Vorreiterstellung ein. „Wir sind dabei ein Konzept zu erstellen, wie wir die Kollegen einsetzen können“, sagt Sascha Brandt. Ob man die Wiedererkenner etwa zentral organisieren wolle, sei noch unklar. Sandra Kloschek jedenfalls hat ihre herausragende Fähigkeit bereits erfolgreich eingebracht. Nach dem Anschauen einer Videosequenz konnte sie eine bestimmte Person in einer Menschenmenge identifizieren.

50

Beamte im Polizeipräsidium Stuttgart sind sogenannte Super-Recogniser. Eine davon ist Sandra Kloschek. Sie war sich vor dem Test nicht bewusst über ihre Fähigkeit.

Im Internet sich selbst testen

Nur ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung haben die Fähigkeiten, Gesichter besonders gut erkennen zu können. Wer der Meinung ist, ein solches Talent zu haben, kann das testen. Über www.superrecognisers.com, eine Internetseite der Universität Greenwich, wird man zu einem Test geleitet, den man unter anderem auch in deutscher Sprache absolvieren kann. Mehr als vier Millionen Menschen haben bereits an dem Gedächtnis-Test bereits teilgenommen. car