Nicht nur die Landesregierung hat Grund zur Freude ob des neuen Verkehrsvertrages für den Schienenpersonennahverkehr ab 2019, spart sie doch etwa knapp die Hälfte des bisher gezahlten Geldes pro Zugkilometer. Und das, obwohl nagelneue, modernste und barrierefreie Züge zum Einsatz kommen. Zugleich hat sie in der Ausschreibung eine kürzere Taktfolge vorgegeben, von welcher natürlich auch die Zugreisenden profitieren.

Die Kundschaft darf noch mit weiteren Vorzügen rechnen. Zum einen waren in dem Bieterverfahren drahtloses Internet in allen Fahrzeugen sowie großzügige Sitzabstände festgelegt. Auch Klimaanlagen sind dann kein Privileg mehr einzelner Strecken. Für Reisende auf Strecken mit momentan noch besonders altem Wagenmaterial, wie den umlackierten "Silberlingen" auf der Remsbahn zwischen Stuttgart und Aalen, wird es eine neue Erfahrung sein, im Sommer in gekühlten Zügen ans Ziel zu gelangen.

Doch die beiden in Baden-Württemberg bislang nicht tätigen Eisenbahnunternehmen Abellio Rail und Go-Ahead werden noch manchen Service mehr bieten, der in der Ausschreibung gar nicht verlangt wird. "Wir werden zusätzlich Fahrkartenautomaten in den Zügen haben", verspricht Pressesprecher Rainer Thumann von Abellio Rail und schwärmt vor, dass diese wesentlich einfacher zu bedienen seien. "In den Tests haben unsere mit Fahrgästen entwickelten Automaten bei 19 Sekunden bis zum Erhalt der Fahrkarte am besten abgeschnitten." Andere Automaten würden mindestens 39 Sekunden benötigen. Trotzdem habe man einen Kundenbetreuer an Bord, der auch am Automaten behilflich sein kann. Thumanns Unternehmen übernimmt die Strecken Stuttgart-Mühlacker-Pforzheim/Bruchsal, Stuttgart-Heilbronn-Mannheim/Osterburken sowie Stuttgart-Tübingen.

Für die anderen Strecken hat die Go-Ahead Verkehrsgesellschaft Deutschland den Zuschlag erhalten. "In der Regel ist in Baden-Württemberg der Fahrscheinkauf vor Fahrtantritt erforderlich, daher werden wir den Fahrscheinverkauf in bewährter Form an Fahrscheinautomaten und personenbedienten Verkaufsstellen entsprechend den Vorgaben der Ausschreibung sicherstellen. Dazu sind neue Automaten durch uns zu beschaffen", meint Go-Ahead-Geschäftsführer Stefan Krispin, dessen Unternehmen neu am deutschen Markt ist.

"Wir hatten uns jetzt zunächst voll auf die Ausschreibungen konzentriert", sagt Go-Ahead-Pressesprecher Erik Bethkenhagen. Doch werde man sich nun alle weiteren Wünsche anhören, um dann darüber zu entscheiden. Auch ein Catering an Bord ist also nicht ausgeschlossen. Rainer Thumann kann bereits aus Erfahrung sprechen. "In unserem neu aufgebauten Bereich Mitteldeutschland haben wir einen Lounge-Bereich und zum Teil Catering an Bord. Das können wir uns grundsätzlich auch auf unseren neuen Strecken rund um Stuttgart vorstellen", weckt er Hoffnungen von Pendlern, die am Morgen Lust auf einen Kaffee oder ein belegtes Brötchen haben.

Edgar Neumann, der Leiter der Pressestelle des Landesverkehrsministeriums, meint, "es wäre sicher ein schöner Service, wenn die Bahnunternehmen, die den Zuschlag im SPNV bekommen sollen, ein Catering an Bord anbieten würden".

Auch in einer anderen Frage kann er den Fahrgästen Hoffnung machen. Immer mehr Bahnhöfe und Fahrkartenschalter hat die Deutsche Bahn in den letzten Jahren zum Unmut der Kunden geschlossen. "Wir betreiben bereits in unseren anderen Abellio-Netzbereichen Reisecenter mit Fahrkartenverkauf. Das ist hier ebenso denkbar", verspricht Rainer Thumann, auch hier Überlegungen anzustellen. Und auch Go-Ahead-Chef Stefan Krispin signalisiert Gesprächsbereitschaft. Man könne das prüfen. Edgar Neumann sagt: "Es spräche nichts dagegen, dass in den Netzen, in denen künftig andere Anbieter als die DB fahren, stillgelegte Bahnhöfe reaktiviert werden. Das würden dann aber eher die Anliegerkommunen machen."

Für Thumann und Krispin ist erst einmal wichtig, Gewissheit darüber zu haben, ob die Deutsche Bahn das Ergebnis des Vergabeverfahrens akzeptiert. Dann könne man sich ab Ende diesen Monats an die Detailplanungen machen, beispielsweise die Schaffung von Arbeitsplätzen. Aufgrund der Tariftreueerklärung, die alle Bieter abgeben mussten, können die beiden Unternehmen auch für Bahnmitarbeiter auf den betroffenen Strecken ein möglicher Arbeitgeber sein.

"Wir brauchen allein schon mindestens hundert Triebfahrzeugführer. Wir sind auf qualifiziertes Personal angewiesen", sagt Thumann. Man freue sich daher auch auf Bewerbungen von Mitarbeitern der Deutschen Bahn. Wenn also alles aufgeht, könnten alle Beteiligten profitieren.

Fahrzeuge mit barrierefreien Toiletten

Beschwerde Noch ist die Vergabe der Stuttgarter Netze nicht in trockenen Tüchern. Die wegen eines Formfehlers aus dem Verfahren ausgeschiedene Deutsche Bahn, die bisher die Netze betreibt und auch die günstigsten Gebote abgeliefert hatte, hat angekündigt, Beschwerde bei der Vergabekammer einzulegen.

Landeswappen Die neuen Züge sollen ab 2019 im einheitlichen Landesdesign verkehren. Selbst auf den Polstern der Sitze findet sich das Landeswappen. Die Fahrzeuge erhalten Universaltoiletten, die auch für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Zur Ausrüstung in Fahrzeugen des Herstellers Bombardier gehören bis zu 51 Fahrradabstellplätze. Klapptische erleichtern PC-Arbeit während der Reise.