Medizin Mediziner streiten über Gefahren von Feinstaub

In Ballungsräumen wie Stuttgart sind Autos Hauptverursacher für Feinstaub und Stickstoffdioxid.
In Ballungsräumen wie Stuttgart sind Autos Hauptverursacher für Feinstaub und Stickstoffdioxid. © Foto: dpa
Stuttgart / Von Caroline Holowiecki 18.07.2017
Über die Frage, welche Auswirkungen Feinstaub auf die Gesundheit hat, sind sich Stuttgarter Mediziner uneins. Nun plant das Land eine Studie.

Das Umweltbundesamt lässt keinen Zweifel zu. An Feinstaub kann man sterben. Um dies zu untermauern, werden harte Zahlen präsentiert: 2014 habe es 41 100 vorzeitige Todesfälle in Deutschland gegeben, die auf Feinstaub in der Luft zurückgeführt werden. Dies entspreche einem jährlichen Lebenszeitverlust von etwa 5,5 Jahren pro 1000 Einwohner. Zwischen 2007 und 2014 seien es im Mittel sogar rund 45 300 vorzeitige Todesfälle pro Jahr gewesen. Die gesundheitlichen Auswirkungen reichten von Schleimhautreizungen, Entzündungen der Atemwege, erhöhter Thrombosegefahr bis hin zu Veränderungen am vegetativen Nervensystem.

Sehr feine Staubpartikel mit einem Durchmesser von unter 2,5 Mikrometer (PM 2,5) sind laut dem Ministerium besonders gefährlich, da sie tief in die Bronchien oder in die Blutbahn eindringen könnten. Alles in allem seien Herz-Lungen-Krankheiten und insbesondere Lungenkrebs die bekanntesten Feinstaub-Risiken. Das Ministerium zitiert die Weltgesundheitsorganisation, die ihrerseits bei einer Korngröße kleiner als 10 Mikrometer (PM10) von „sicher krebserregenden“ Partikeln spricht.

In der deutschen Feinstaub-Hochburg Stuttgart verbreiten solche Meldungen Angst und heizen die Diskussion um Für und Wider von Fahrverboten an. Die Landesregierung will nun ihrerseits mittels einer wissenschaftlichen Studie klären, wie gefährlich Feinstaub für die Gesundheit wirklich ist. Kooperieren wollen sowohl das Verkehrs- als auch das Ministerium für Soziales und Integration mit der Berliner Charité. In einem Brief an Umweltverbände schreibt der Ministerialdirektor im Sozialministerium, Wolf-Dietrich Hammann,  dass man auf diese Weise „die Zusammenhänge zwischen erhöhten Schadstoffmesswerten und dem Gesundheitszustand von Anwohnerinnen und Anwohnern besonders betroffener Gebiete“ beleuchten möchte.

Kaum belastbare Zahlen

Zum Hintergrund heißt es aus dem Ministerium, dass bislang noch keine wirklich belastbaren Zahlen darüber vorlägen, welche Erkrankungen und Erkrankungszahlen kausal auf erhöhte Feinstaubbelastungen zurückzuführen seien. In seinem Brief spricht Hammann von „rein spekulativen“ Zusammenhängen.

Tatsächlich sind die Ansichten von Lungenexperten kontrovers. Einer, der die Aufregung um den Feinstaub-Alarm und vor allem den Begriff für „maßlos übertrieben“ hält, ist Prof. Dr. Martin Hetzel. Der Chefarzt der Klinik für Pneumologie am Krankenhaus vom Roten Kreuz in Bad Cannstatt wird an der Studie der Charité aktiv mitwirken, im Vorfeld stellt er aber fest: „Die Luft ist heute so sauber wie niemals in den zurückliegenden zehn Jahren, und die Menschen werden so alt wie nie zuvor.“

Alarm signalisiere eine akute und große Gefahr, und diese sei wegen des Feinstaubs in Stuttgart „mitnichten vorliegend. Ich halte es für unverantwortlich, die Bevölkerung mit solchen Alarmen zu beunruhigen.“ Zum einen gebe es nach seiner Ansicht keinen toxikologisch gesicherten Zusammenhang zwischen der aktuellen Feinstaubelastung und Lungenerkrankungen, zum anderen berücksichtigten einige Studien gravierende Störfaktoren wie Tabakkonsum völlig unzureichend. Auch sei etwa die Stickoxidbelastung beim Kochen in einer Küche mit Gasherd deutlich höher als beim Spaziergang am Stuttgarter Neckartor, „aber darüber regt sich zu recht keiner auf“. Daher spricht er von einer „ideologisierten Hexenjagd auf Dieselfahrzeuge“ und „wissenschaftlich unbegründetem Alarmismus“. All das schade dem Standort Stuttgart und der Wirtschaftsregion.

Bronchiale Beschwerden

Auf der Facebook-Präsenz der Stadt Stuttgart wiederum kommt in einem Video, das bislang mehr als 2600 Mal angeklickt wurde, Prof. Dr. Martin Kohlhäufl, Lungenfacharzt und Umweltmediziner des Robert-Bosch-Krankenhauses, zu Wort. Er weist auf mögliche gesundheitliche Risiken einer hohen Feinstaubbelastung hin, unter anderem bronchiale Beschwerden oder verstärkte Asthmasymptome, vor allem bei Menschen mit ausgeprägten Vorerkrankungen. Im Speziellen Patienten mit Herz- und Lungenerkrankungen sollten extrem stark belastete Orte meiden und sich dort nicht stark körperlich betätigen. Kohlhäufl stellt klar: „Eine Reduktion der Feinstaubbelastung, das wissen wir aus der Forschung, um zehn Mikrogramm pro Kubikmeter würde schon positive messbare Effekte zeigen.“

Drei Fakten zur Klage der Deutschen Umwelthilfe

1 An diesem Mittwoch wird die Klage der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gegen das Land am Verwaltungsgericht in Stuttgart verhandelt – mit einer Entscheidung ist eine Woche später zu rechnen. Die DUH  dringt auf Fahrverbote für alle Diesel-Klassen in Stuttgart. Jeden Tag atmeten Stuttgarter Luft ein, die krankmacht. 

2 Es geht bei der DUH-Klage im Grunde sowohl um die Stickstoffdioxid-, als auch um Feinstaub-Werte, wobei Letztere mittlerweile das geringere Problem darstellen. Sie werden nur noch an der Messstation am Neckartor gerissen, während die Stickoxid-Werte im gesamten Stadtgebiet zu schlecht sind.

3 Mehr als 15 Klagen bundesweit hat die DUH laufen. In München und Düsseldorf hatte sie mit der Forderung nach Fahrverboten bereits Erfolg. Das Düsseldorfer Urteil liegt beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zur Überprüfung. Mit einer Entscheidung ist laut einer Sprecherin im ersten Quartal 2018 zu rechnen. car