Jedes Jahr gelingt es dem Stuttgarter Weltweihnachtscircus aufs Neue, das Publikum mit seinem abwechslungsreichen Programm zu begeistern. Auch beim 26. Gastspiel des WWC tritt zum Jahreswechsel vier Wochen lang auf dem Cannstatter Wasen wieder die Crème de la Crème der internationalen Zirkuswelt auf. Aber in diesem Jahr hat Produzent Henk van der Meyden Neuland beschritten. Endgültig Abschied genommen hat er von den Tigern, Löwen und Elefanten in der Manege. Stattdessen präsentiert  er eine märchenhafte Zirkusrevue mit einem Mix aus Ballett, opulenter Kostümshow, Spitzenakrobatik und halsbrecherischen Pferdenummern.

„Wenn es keine wilden Tiere mehr im Zirkus gibt, dann müssen wir die Menschen auf andere Art überzeugen“, meinte der 81 Jahre alte Zirkusimpresario nach der gelungenen Premiere, die mit stehenden Ovationen endete. In diesem Jahr hat er ein Experiment gewagt und einen ganzen Zirkus engagiert. Nach langem Werben ist es ihm gelungen, den Royal Circus aus Moskau unter Leitung von Gia Eradze nach Stuttgart zu holen. Das knapp hundertköpfige Ensemble ist mit hunderten von farbenfrohen und prächtigen Kostümen im Gepäck angereist und bestreitet etwa ein Drittel des gut dreistündigen Programms. Eradze macht die Manege zur Showbühne, auf der sich nicht mehr eine Sensation an die andere reiht, sondern auf der die Tänzerinnen und Tänzer in schönen Bildern neben den artistischen Leistungen gefühlvolle Geschichten erzählen. Dabei schwingt natürlich auch viel russische Folklore mit. Die Aufführung gipfelt in einem Weihnachtsmärchen und wirkt wie ein überzuckertes russisches Disneyland, dort gibt es auch keine Scheu vor sentimentalem Kitsch.

Mit Einhorn und Schneemännern

Eine Fee tänzelt mit einem als Einhorn drapierten Pony durch die Manege. An einem glitzernden Flügel greift der Pianist nicht in die Tasten, sondern nutzt ihn als Podest für seine Handstand­akrobatik umgeben von Wasserfontänen. Tänzerinnen und Tänzer schweben aus der Manege an riesigen Kronleuchtern in die Zirkuskuppel. Die Festtagsseligkeit ist perfekt, wenn aus der Mitte der schneeweiß kostümierten Tänzer ein Weihnachtsbaum emporwächst und Schneemänner um die Manege tanzen.

Bei aller Sentimentalität überzeugt Eradze auch mit Spitzenleistungen, wie bei der Pferdeakrobatik mit jungen Reiterinnen. Ein Meisterstück ist die nach jahrelangen Vorbereitungen erstmals in so großer Besetzung gezeigte Quick Change-Nummer. Die prachtvolle Szenerie lässt Sankt Petersburg aufleben. Aus riesigen Fabergé-Schmuck-Eiern steigen sechs Paare und wechseln in fabelhafter Schnelligkeit vor den Augen des verblüfften Publikums ihre Kostüme – ein Glanzlicht der Show.

Für Henk van der Meyden ist Eradze ein „Visionär und Innovator“. Der preisgekrönte Zirkuskünstler reist von Stuttgart direkt zum Internationalen Zirkusfestival nach Monte Carlo, wo auch schon die meisten der anderen Artisten der Show ausgezeichnet worden sind. Dort erhielten Anfang 2018 auch József Richter und seine Frau Merry Lu für ihre Jockey-Nummer mit dem Goldenen Clown die höchste Auszeichnung der Zirkuswelt.

Pferde als Ursprung des Zirkus

Auch Weltrekorde fehlen in diesem Jahr nicht. Spektakulär und atemberaubend ist der Globe of Speed. In der stählernen Todeskugel rasen erstmals zehn Fahrer auf ihren Motorrädern kreuz und quer durcheinander. Weltspitze ist auch der Tempo-Jongleur Michael Ferreri. Eine Klasse für sich ist der Ukrainer Simon Schuster, der als Clown Housch ma Housch auch mit dem Publikum seine Späße treibt. Und die Luftakrobatinnen Anastasia Makeeva und Laura Miller lassen sich bei ihrem spektakulären Auftritt aus der Zirkuskuppel in ein Wasserbecken fallen. Zuvor haben die beiden die Nummer bislang nur einmal bei einer Galavorführung in Monte Carlo gezeigt.

Als einzige Tiere im Programm sind die Pferde verblieben: Mit ihrem Auftritt soll an die Ursprünge des Zirkus erinnert werden. Vor 250 Jahren war Akrobatik zu Pferde die erste Zirkusnummer, die Philip Astley in England präsentierte.

Theater für alle Sinne


Die Produzenten Henk van der Meyden und Monica Strotmann präsentieren mit ihrer Tochter Elisa als Co-Produzentin ein Programm mit rund 150 Mitwirkenden. Mit den Nummern und Tanz-Acts des Royal Circus aus Moskau wollen sie den klassischen Zirkus weiterentwickeln zu einem „Theater für alle Sinne“. Das Programm soll auch eine Hommage sein an den Gründer und Pionier des Zirkus, Philip Astley, der 1768 mit Pferdeakrobatik startete.

Bis zum 6. Januar gibt es rund 60 Zirkus-Aufführungen. Die Karten kosten zwischen 24 und 64 Euro und sind über das Zirkustelefon erhältlich: 0711 674 47 70. Weitere Infos unter www.weltweihnachtscircus.de                       lan