Von Caroline Holowiecki

Als sei Monika Ley plötzlich eine andere. Ihre Stimme klingt tiefer, andächtiger, der Wortschatz ist einer aus vergangenen Tagen. Mit aufgerissenen Augen und ausladender Armbewegung steht sie in ihrem Wohnzimmer in Stuttgart-Riedenberg und erzählt das Märchen eines wundersamen Hutmachers. Und irgendwie fühlt es sich heimelig an. Wie früher bei Oma, an deren Lippen man als Kind hing, während sie die Geschichten von Schneewittchen, von Rumpelstilzchen und Jorinde und Joringel erzählte, von Ali Baba mit seinen 40 Räubern oder von den Sterntalern.

Was Monika Ley vollführt, das textgetreue Erzählen, ist eine Kunst. Als Vorsitzende des Stuttgarter Märchenkreises hat sie sich zum Ziel gesetzt, diese Kunst ebenso lebendig zu halten wie die Literaturgattung selbst. Es geht um die bekannten Märchen der Gebrüder Grimm, von Wilhelm Hauff oder Hans Christian Andersen, aber auch um Texte aus dem Orient, Afrika oder China, um Sagen und Legenden. Mit mehr als 80 Mitgliedern in Baden-Württemberg ist der Verein die größte ehrenamtlich organisierte Vereinigung von Märchenfreunden in Süddeutschland. Ihnen geht es nicht ums Vorlesen, sondern ums freie Erzählen. „Manche machen das sehr ruhig und sachlich, manche sind mehr schauspielermäßig unterwegs“, erklärt Susanne Keßler, die stellvertretende Vorsitzende.

Ende 2016 hat die deutsche Unesco-Kommission das Märchenerzählen ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Begründung: Es fördere die Gemeinschaft, auch würden Denkanstöße gegeben und Sinn vermittelt, die Sprache gefördert und die Fantasie angeregt. Märchen seien als kollektiver, identitätsstiftender Erfahrungsschatz gespeichert, der durchs Erzählen immer wieder aktualisiert werde. Tatsächlich bieten die oftmals über Jahrhunderte überlieferten Geschichten von Gut und Böse Problemlösungsstrategien an. Uralte Symbole und Bilder lassen sich leicht ins Heute übertragen, sie spenden Hoffnung und Trost.

Fantasie wird angeregt

Den beiden Vorsitzenden geht es nicht nur ums „Was“, sondern vor allem ums „Wie“. Die Frauen stellen fest, dass im Moment des lebendigen Erzählens eine starke Verbindung entsteht zwischen Sprecher und Zuhörer, „da passiert was“, sagt Susanne Keßler: vom Mund zum Ohr ins Herz.

Vor allem Kinder und Senioren seien sehr empfänglich. „Es ist einfach faszinierend, es nimmt die Leute gefangen. Die Kinder rutschen auf den Sitzen nach vorn und nehmen das Fäustchen vor den Mund“, erklärt Monika Ley. Das seien Erlebnisse, die zum Beispiel beim Fernsehen verloren gingen. „Jeder hat ein eigenes Bild vor Augen, wie er sich das Schneewittchen vorstellt, doch sie werden identisch, sobald Walt Disney dazukommt. Dann wird Schneewittchen zum Abziehbild“, findet Susanne Keßler.

Ihre Sprechkunst geben die Mitglieder weiter. Regelmäßig finden Seminare statt, in denen gelehrt wird, wie man Texte verinnerlicht, wie man Intonation und Atem für die richtige Satzmelodie einsetzt und eine gewisse Bühnenpräsenz entwickelt. Mütter und Großeltern nehmen teil, Erzieher und Lehrer, aber auch Manager, die lernen möchten, Inhalte besser zu verkaufen.

Zudem sind neben den Ehrenamtlichen im Märchenkreis zwölf professionelle Erzähler aktiv, die gebucht werden können – von Schulen, Büchereien, Krankenhäusern oder für Privatfeste. „Wir wollen das Erzählen zu den Menschen bringen“, sagt Susanne Keßler. Das Interesse wachse. Monika Ley glaubt: „Die Menschen spüren offenbar, dass etwas verloren zu gehen droht.“

Programm zum 30. Geburtstag des Vereins

Seit 30 Jahren besteht der Stuttgarter Märchenkreis. Den Auftakt des öffentlichen Geburtstagsprogramms bildet ein Thementag an diesem Samstag im Treffpunkt Rotebühlplatz. Um 10 Uhr startet der Vortrag „Die Erfolgsstory der Kinder- und Hausmärchen“, nachmittags folgen Workshops, Märchen und Musik.

In der Pauluskirche Zuffenhausen ist am Sonntag ab 17 Uhr eine Musik-Lesung. Am 18. Februar folgt um 10 Uhr im Treffpunkt Rotebühlplatz der Vortrag „Sich erinnern an das, was zählt – Von der Aktualität der Märchen und der Bedeutung der inneren Bilder“. Das komplette Programm: www.maerchenkreis.de. car