Gebäude Lebendige Geschichte

Stuttgart / Von Barbara Wollny 10.09.2018

Mancher Besucher oder Spaziergänger am Dornhaldenfriedhof hat sicher schon gerätselt, wer die in die Jahre gekommenen und ramponierten Häuser – ein schönes Ziegel-Fachwerkhaus, eine kleine Villa und ein langer Holzschuppen – nutzte.

Beim gestrigen Tag des offenen Denkmals, an dem rund 30 Objekte in Stuttgart vorgestellt wurden, erklärte Thomas Schneider-Graf vom 2016 gegründeten Garnisonsschützenhaus-Verein die Geschichte des Geländes. 1880 war die Dornhalde Schießplatz für Stuttgarter Soldaten. Bis zu 400 Mann wanderten täglich aus den Kasernen auf die Hochfläche, um zu üben. Im Garnisonsschützenhaus wurden sie verköstigt, im angrenzenden Wachhaus wurde das explosive Inventar beaufsichtigt.

Aus dem Schießplatz wurde vor rund 50 Jahren der Dornhaldenfriedhof. Die ehemaligen Militärgebäude wurden noch eine Zeitlang weitergenutzt, unter anderem als Lokal und als Wohnung, versanken dann aber in einen Dornröschenschlaf. Aus dem will sie der Verein jetzt wecken.

Geplant ist, dass wieder ein gastronomischer Betrieb einzieht, Wohnungen und Ateliers für Stipendiaten entstehen und ein öffentlich zugänglicher Garten zum Verweilen einlädt. Die Stadt hat für die Totalüberholung des städtischen Besitzes gut zwei Millionen Euro eingeplant. Der Verein hofft zudem auf Spenden und die Unterstützung des Denkmalschutzes. Bereits in drei Jahren, hofft Schneider-Graf, sollen die Pläne weitgehend umgesetzt sein.

Etwas leger für die vornehme Nachbarschaft präsentiert sich in der Stafflenbergstrasse eine stolze Villa in bester Halbhöhenlage. Auf den Gartentischen stehen halbvolle Bierflaschen vom Vorabend. Im Swimmingpool sammeln sich Blätter. Drinnen aber ist es ziemlich schick im Verbindungshaus der Burschenschaft Hilaritas, auch „Kleines Rathaus“ genannt. 1903 baute es Architekt Heinrich Jassoy, von dem auch das im Krieg abgebrannte Stuttgarter Rathaus stammte.

Der besondere Stolz der Studentenverbindung ist ihr Fechtboden. An den Seiten sind die aus Leder und Metallgittern bestehenden Helme und Schutzpolster für die Arme gelagert, in einem Wandschrank Mensur- und Paukenklingen. „Jeder von uns muss mindestens einmal eine Fechtpartie überstehen“, erklärt Eric Jorewitz, der in Stuttgart Wirtschaftswissenschaften studiert. „Zu 99 Prozent geht es dabei ohne Verletzungen ab.“ Fotografieren lassen aber wollten sich die Burschenschaftler gestern nicht bei ihren Fechtdarbietungen.

 Erst seit Juli stehen die Town Houses im Bohnenviertel auf der Liste der Stuttgarter Denkmäler und sind damit die jüngste Ergänzung. Auf großes Besucherinteresse stieß gestern die Möglichkeit, die in den 70er Jahren im Rahmen der Altstadtsanierung erbaute Wohnanlage hinter dem Charlottenplatz zu besichtigen. Statt der lange geplanten Behördenbauten erstritt eine Bürgerinitiative in den 70er Jahren den Bau des lebendigen Wohnquartiers mit Hinterhöfen, Gärten und Spielplätzen. 50 geförderte Wohnungen und eine Tiefgarage entstanden zwischen 1980 und 1982. Die englischen Architekten John Darbourne und Geoffrey Dark erfanden damit, so Herbert Medek von der Kommunalen Denkmalschutzbehörde, „das stapelbare 1-Familienhaus für die Stadt“. Heute würde man zwar nicht mehr so bauen, so Medek, aber damals galt die Anlage als beispielhafte Stadtsanierung.

7800 Projekte in Deutschland

Die Stiftung Denkmalschutz in Bonn verwaltet über 7800 Projekte in Deutschland. Seit 25 Jahren veranstaltet sie jeweils am zweiten Sonntag im September den Tag des offenen Denkmals. Letztes Jahr nutzten 3,5 Millionen Besucher die Chance, hinter sonst verschlossene Türen zu schauen. bw

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