Handwerk Könige der Instrumentenbauer

Das  Handwerk des Orgelbauers ist von der Unesco zum „immateriellen Kulturerbe der Menschheit“ ernannt worden. Jedes Jahr beginnen 40 bis 50 junge Frauen und Männer mit der Ausbildung an der Oscar-Walcker-Schule.
Das Handwerk des Orgelbauers ist von der Unesco zum „immateriellen Kulturerbe der Menschheit“ ernannt worden. Jedes Jahr beginnen 40 bis 50 junge Frauen und Männer mit der Ausbildung an der Oscar-Walcker-Schule. © Foto: Werner Kuhnle
Ludwigsburg / Uwe Roth 07.09.2018

Der „Tag der Orgel“ am Sonntag, 9. September, hat eine bundesweite Bedeutung. Aber nirgendwo anders als in Ludwigsburg hat das traditionsreiche Kircheninstrument so viele Bezüge zu einer Stadt. In der Barockstadt war die Orgel 150 Jahre lang ein bedeutender Exportschlager. Einige 1000 Instrumente stehen in Kirchen vieler Länder – sogar eine im St. Petersdom in Rom.

Die Orgelbauanstalt Walcker hat 1974 ihren Firmensitz gegenüber dem Barockschloss aufgegeben. Aber auch ohne die Produktionsstätte ist die Stadt bis heute ein Zentrum des Orgelbaus geblieben. Die Berufsschule am Römerhügel ist die einzige in Deutschland, in der man die handwerkliche Qualifikation für den Gesellen- und Meisterbrief zum Orgelbauer erlangen kann.

Die vom Landkreis getragene Schule, in der ganz unterschiedliche Berufe erlernt werden können, trägt den Namen Oscar Walcker (1869 bis 1948). Der Ehrenbürger der Stadt hat das Familienunternehmen viele Jahre mit großem kommerziellem Erfolg geführt. Auf seine Initiative hin bekam Ludwigsburg die überregionale Meisterschule.

Es verwundert nicht, dass die Berufsschule den „Tag der Orgel“ gemeinsam mit dem Bund Deutscher Orgelbaumeister besonders intensiv feiert. Vier junge Orgelbauer werden an diesem Tag nach zweijähriger Vorbereitung ihren Meistertitel erhalten. Die Tradition wird fortgesetzt. Dennoch plagen das Handwerk Nachwuchssorgen.

Es fehlt an Nachwuchs

Derzeit sei es schwierig, junge Menschen für die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Orgelbauer zu begeistern, bedauert Werner Stannat. Er ist in der Schule der Abteilungsleiter für den Musikinstrumentenbau. Unter den jährlich 40 bis 50 Einsteigern in die Ausbildung ist der Anteil der Frauen mit knapp 15 Prozent nach seiner Überzeugung etwas niedrig. Früher habe es drei Klassen gegeben, heute seien es zwei. „Aber mit stabilen Zahlen.“

Stannat liegt einiges an diesem Handwerk. Es am Leben zu erhalten, wurde im vergangenen Dezember belohnt: Seit diesem Zeitpunkt stehen der Orgelbau und die Orgelmusik auf der Unesco-Liste des „immateriellen Kulturerbes der Menschheit“, die Handwerker wurden somit geadelt zu „Königen des Instrumentenbaus“. Das Interesse der Öffentlichkeit an diesem, wie Stannat sagt, recht seltenen Beruf sei seither „deutlich gestiegen“.

Der Orgelbau ist für den Pädagogen „ein Splitterberuf, der unter die Haut geht“. So wird ein Beruf bezeichnet, bei dem in Baden-Württemberg weniger als 300 Lehrlinge in die Handwerksrolle eingetragen sind. Würde es die Berufsschule nicht geben, wäre der Orgelbau in Ludwigsburg längst vergessen.

Eberhard Friedrich Walcker war im 19. Jahrhundert einer der bedeutendsten Orgelbauer Europas. 1820 zog er mit seiner Werkstatt von Bad Cannstatt nach Ludwigsburg in unmittelbare Nähe zum Schloss. Am Rand der Altstadt entlang der Schlossstraße entstand nach und nach ein repräsentativer Unternehmenssitz.

1885 trat Oscar Walcker in die Orgelbaufirma ein. 1892 übernahm er die Werkführung, 1899 wurde er Teilhaber. Mit ihm änderte sich die Firmenphilosophie erheblich. Maschinisierung und die Rationalisierung der Arbeitsmethoden führten zu erheblichen Produktionssteigerungen. Technische Neuerungen wie die Einführung elektrischer Trakturen, aber ebenso die gestiegene Nachfrage für Orgeln im nicht-sakralen Bereich trugen dazu bei. Hatte die Firma 1899 rund 850 Werke vollendet, waren es 1915, als Oscar Walcker Alleininhaber wurde, bereits 1850.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die Expansion der Firma. Von 1915 bis 1919 wurden nur 65 Orgeln gebaut. Die Firma hielt sich mit der Produktion von Munitionskisten und Möbeln über Wasser. Der Aufschwung begann erst wieder 1920. Nach dem Tod von Oscar 1948 übernahm Werner Walcker-Mayer die Firma. Unter seiner Leitung wurden mehr als 3000 Orgeln für das In- und Ausland gebaut, unter anderem die erste Orgel in einem buddhistischen Tempel in Tokyo sowie die Orgel im Ulmer Münster.

1974 wanderte das Unternehmen aus Ludwigsburg ab, die Produktion wurde im Saarland gebündelt. Im Jahr 2000 meldete es die Insolvenz an. Über viele Jahre standen die einst bedeutenden Firmengebäude leer und verrotteten. 2004 wurden diese Zeugnisse der Handwerks- und Industriegeschichte abgerissen. Heute wohnen dort Senioren und Studierende.

Infokasten
Blick in die Werkstätten

Eröffnet wird der „Tag der Orgel“ um elf Uhr mit einer Feier in der Aula der Oscar-Walcker-Schule am Römerhügel und der Übergabe der Meisterbriefe. Anschließend werden ab 11.45 Uhr die Meisterorgeln von ihren Erbauern vorgeführt. Bis 16.30 Uhr können die Besucher unter Anleitung Holz- und Metallpfeifen herstellen und zum Klingen bringen.

Außerdem gibt es Führungen durch die Instrumentensammlung und die Werkstätten. uro

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