Stuttgart / RAIMUND WEIBLE Seit einem Jahr residiert das Friedrichsbau-Varieté auf dem Pragsattel. Die Theaterleute sind glücklich mit ihrer neuen Spielstätte, hoffen aber auf noch etwas mehr Zuschauerzuspruch - und auf Sponsoren.

Ein Standortwechsel birgt für eine kulturelle Institution Risiken. Vor einem Jahr hat das Friedrichsbau-Varieté die erste Premiere in seiner neuen Spielstätte auf dem Stuttgarter Pragsattel gefeiert - mit einem Elvis-Stück zum 80. Geburtstag des "Kings". Der Einstand war gut, aber über das "unglaublich bewegte Jahr" (Geschäftsführer Timo Steinhauer) hinweg schaffte es das Haus trotz aller Bemühungen nicht, die früheren Zuschauerzahlen zu erreichen. Worauf sich die Macher durchaus eingestellt hatten. Steinhauer: "Wir hatten schon damit gerechnet, dass zunächst etwas Publikum wegbricht."

75.000 Besucher waren die normale Marke, unterm Strich sind es im ersten Jahr 5000 weniger geworden. "Wir sind noch nicht da, wo wir herkommen", räumt Steinhauer ein. Den Verlust führt der Geschäftsführer darauf zurück, dass das Publikum aus dem Umland den Weg zum Pragsattel teilweise noch nicht wiedergefunden habe, während die Stuttgarter treu geblieben seien. Mit Rundfunk-Spots und Plakaten versuche man derzeit, auf das Varieté aufmerksam zu machen.

Noch muss es sich in der weiteren Umgebung herumsprechen, dass sich das Varieté räumlich verbessert hat. Die neue Bühne etwa bietet aus künstlerischer und technischer Sicht weit mehr Spielmöglichkeiten als in der Rotunde der L-Bank. Der Künstlerische Leiter Ralph Sun: "Gerade beim Casting konnte ich damals viele artistische Acts gar nicht verpflichten, da die Requisiten zu groß oder unsere Bühne einfach zu klein war." Auch der Backstagebereich ist in der neuen Spielstätte geräumiger und hat Platz für große Requisiten, die gerade bei Zauberkünstlern zum Einsatz kommen.

"Ich weine dem alten Standort keine Träne mehr nach. Wir haben hier viel mehr Möglichkeiten und eine tolle Nachbarschaft mit dem Theaterhaus", zieht Co-Geschäftsführerin Gabriele Frenzel Bilanz. Das Ensemble arbeitet zudem mit großem Einsatz weiter daran, die Spielstätte zu optimieren.

In den vergangenen Monaten und Wochen haben die Macher nachgebessert. Die Bestuhlung wurde neu angeordnet, die Wände des Theatersaals erhielten einen Bezug aus dunkelrotem Samt, im Foyer ziert eine Bildergalerie mit historischen Plakaten die Wände, der Caterer wurde ausgewechselt. Seit September kümmert sich die Schmücker-Gastronomie um den adäquaten kulinarischen Genuss.

Bei diesen Veränderungen soll es nicht bleiben. Steinhauer strebt an, die hinteren Reihen etwas zu erhöhen, um den Blick auf die Bühne zu verbessern. Der Außenbereich soll verschönert werden - dafür hat das Varieté einen Gartengestalter gewonnen, der die Anlage sponsert. Weitere Pläne sind finanziell noch nicht abgesichert. Etwa eine Klimaanlage für die heißen Tage im Sommer. Ein großer Wunsch von Steinhauer und Frenzel ist, wieder dauerhaft eine Band beschäftigen zu können. Von den früheren Musikern musste sich das Varieté aus finanziellen Gründen trennen - Gabriele Frenzel blutete dabei das Herz. "Wir möchten uns weiterentwickeln", verkündet Steinhauer, doch ohne Sponsoren und private Spenden gehe das nicht.

Die Finanzierung des von einer gemeinnützigen Gesellschaft mit beschränkter Haftung getragenen Varietés ist eng gestrickt. Hohe Gewinne sind in diesem Metier nicht zu erwarten - Steinhauer rechnet am Ende des Jahres mit einer "schwarzen Null". "Wir schaffen es, auf eigenen Füßen zu stehen, aber nur, weil alle Mitarbeiter immens viel leisten", sagt der Manager.

Trotz knapper Finanzen will das Ensemble seine Linie beibehalten, ein "Varieté für jedermann, für jeden Geldbeutel" zu bleiben. Darin sieht es auch die Chance, junges Publikum nachzuziehen und fürs Varieté zu begeistern.

291 Vorstellungen im ersten Jahr auf dem Pragsattel

Eigenproduktionen Im ersten Jahr auf dem Pragsattel hat das Friedrichsbau-Varieté 291 Vorstellungen gegeben. 20 verschiedene Produktionen kamen zur Aufführung, darunter die vier großen Eigenproduktionen "The King", "Particles", "One Moment in Time" und "Rosevue" sowie Kinderstücke, Gastspiele und Lesungen.

Vorläufer Seinen Namen hat das Varieté vom Friedrichsbau am Börsenplatz, wo das Theater ab 1900 untergebracht war. Das Gebäude wurde 1944 zerbombt. 1994 wurde im neuen Friedrichsbau das Varieté eröffnet. Nach der Kündigung des Vertrags durch die L-Bank baute das Varieté 2014 seine neue Spielstätte. Dafür gab die Stadt Stuttgart rund 600.000 Euro Zuschuss und 475.000 Euro Kredit.