Stuttgart Kein Platz für Antisemitismus

Eröffnungsredner Micha Brumlik (rechts) beim Auftakt der "Jüdischen Kulturwochen" mit Landesrabbiner Joel Berger (links) und Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland .
Eröffnungsredner Micha Brumlik (rechts) beim Auftakt der "Jüdischen Kulturwochen" mit Landesrabbiner Joel Berger (links) und Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland . © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / NADINE WINTER 04.11.2015
Als "liebgewordene Tradition" hat der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, die "Jüdischen Kulturwochen" in Stuttgart bezeichnet. Die Veranstaltungsreihe wurde am Montag eröffnet.

"Zwischen den Staaten Israel und Deutschland kann es keine Freundschaft geben": Das war ein Kernsatz im Vortrag von Micha Brumlik, den der Erziehungswissenschaftler am Montag im vollbesetzten Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses hielt. Brumlik ist in der Schweiz 1947 geboren, ein Kind jüdischer Flüchtlinge. Der emeritierte Professor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt gilt als Fachmann für die deutsch-israelischen Beziehungen. Das war auch das Thema seines Vortrags, als Auftakt zu den Jüdischen Kulturwochen 2015.

Eine "illustre Gesellschaft", so die Stuttgarter Sozialbürgermeisterin Isabel Fezer, hörte ihm zu. Das Publikum war eine Mischung aus kirchlichen Würdenträgern, Politikern aus Stadt und Land, Rabbinern und Vertretern von Organisationen wie dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Die Zuhörer applaudierten, als Brumlik sagte: "Freundschaft ist nur zwischen Bürgern möglich."

Schuster bezeichnete den Vortrag von Brumlik als einen Höhepunkt der Kulturwochen. Das Motto dieser Veranstaltungsreihe lautet dieses Jahr "Neue Hoffnung schöpfen". Ausgerichtet werden die Kulturwochen von der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW). "Von dieser Veranstaltung können sich andere Städte eine Scheibe abschneiden", meinte Zentralratspräsident Schuster. "Die Kulturtage sind inzwischen eine liebgewordene Tradition, die uns immer wieder mit neuen Facetten der jüdischen Kultur überraschen", so Schuster weiter. Die Veranstaltungsreihe endet am 15. November.

In seiner Begrüßungsrede ging er auf die politische Situation ein und schlug darin auch kritische Töne an. Als er sagte: "Für Antisemitismus ist in Deutschland kein Platz", applaudierte das Publikum wieder.

Brumlik und SWR2-Moderator Johannes Weiß nahmen im Gespräch Bezug auf die Flüchtlingskrise. Brumlik sprach sich für eine differenzierte Sicht auf die islamisch-syrischen Flüchtlinge aus. Man dürfe nicht pauschal sagen, dass sie alle Antisemiten wären. Denn: "Wenn eine Grenze friedlich war, dann die zwischen Israel und Syrien."

Nach dem Gespräch blieben viele Fragen offen. Sie sollen laut Barbara Traub, Vorstandssprecherin der IRGW, in den 35 Veranstaltungen der Kulturwochen diskutiert werden. Die Besucher können Vorträge über die Bedeutung und Geschichte Israels oder über jüdisches Leben in Stuttgart hören. Oder auch einfach einen Kochkurs für koschere Küche belegen.

"Ein Schwerpunkt ist die Musik", sagte Traub und nannte speziell das Klezmerkonzert am 12. November im IRGW-Gemeindezentrum in der Hospitalstraße und das Abschlusskonzert am 15. November mit dem Chor der Westend-Synagoge in Frankfurt sowie dem Wiener Oberkantor Barzilai. Für Liebhaber der Popmusik empfiehlt sich am 14. November das Konzert von Yael Dekkelbaum im Kulturzentrum Merlin. Die Solo-Sängerin singt Songs aus ihrem gerade erschienen dritten Album "Enosh".

Laut Traub erlebt man "typisch jüdischen Humor" am heutigen Mittwoch im Haus der Heimat. "Von Blaumilchkanälen, besten Ehefrauen und einem Humorcomputer" handelt eine musikalisch-szenische Lesung mit Werken des israelischen Satirikers Ephraim Kishon.

Regionalen Themen widmet sich Heinz Högerle. Der Vorsitzende des Gedenkstättenverbunds Gäu-Neckar-Alb referiert über die Rolle des Finanzamts Horb während der NS-Zeit. Theaterliebhaber sollten sich den 7. November vormerken. "Die Judenbank" von Reinhold Massag wird im Theaterhaus aufgeführt und braucht nicht mehr als den Schauspieler Ernst Konarek, eine Bank, ein Schild und Fantasie.

Religionsgemeinschaft mit 3000 Mitgliedern

Neuanfang Mit dem Motto "Neue Hoffnung schöpfen" nimmt die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) Bezug auf die Neugründung der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart 1945 und auf die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel 1965.

Zweigstellen Die IRGW ist die jüdische Gemeinde für den württembergischen Landesteil Baden-Württembergs. Ihre Wurzeln reichen bis Anfang des 19. Jahrhunderts zurück, als formell die jüdische Gemeinde in Stuttgart entstand. Seit ihrer Wiedergründung nach dem Krieg ist die IRGW auf mittlerweile 3000 Gemeindeglieder angewachsen. In einer Reihe von Städten unterhält die IRGW Zweigstellen, darunter in Ulm, Heilbronn und Esslingen.