Solitude“, Einsamkeit also, dieser Name im Sinne von Abgeschiedenheit war Programm im Rokoko-Schloss, das Herzog Carl Eugen Mitte des 18. Jahrhunderts im Stuttgarter Westen errichten ließ. Schnöde Amtsgeschäfte waren hier nicht vorgesehen.  Jagen wollte er, sich von seinen Mätressen verwöhnen lassen und schöngeistigen Interessen nachgehen.

Auf seinen Hofstaat wollte Carl Eugen dabei aber verzichten. Den brachte der Herzog in je zehn Pavillons zu beiden Seiten der Flügelbauten des Schlosses unter. Seit der Barockzeit nannte man diese Unterkünfte „Kavaliershäuser“, abgeleitet vom Bild der „Kavaliere“, die man sich damals als ritterliche, tugendhafte Edelmänner vorstellte. In diesen Kavaliershäuschen spielte man Billard oder speiste in der Back-, Brat- oder der Ritterküche. Zudem gab es das Küchenmeistergewölbe, die Verwaltung und Räume für Bedienstete.

Als prominentester Mieter der Stuttgarter Kavaliershäuschen gilt bis heute Friedrich Schiller, der 1773 gegen seinen Willen an der im Schloss untergebrachten Militärakademie „Karlsschule“ unterrichtet wurde. Zwei Jahre später folgte ihm sein Vater nach: Johann Kaspar Schiller wurde im Jahr 1775 zum Leiter der herzoglichen Hofgärten berufen und gehörte somit zum Hofstaat Carl Eugens.

Wer aber genießt heute das Privileg, als Mieter in den historischen Gemächern zu wohnen? Dem „Durchschnittsbürger“ bleiben die Türen leider verschlossen. Was früher dem Hofstaat vorbehalten war, das nennen nun Landesdiener auf befristete Zeit ihr Eigen. „Die Vergabe erfolgt an Persönlichkeiten, an deren Wirken das Land ein erhebliches Interesse hat“, erklärt Roland Wenk das Auswahlverfahren.

Zwei Häuser in Privatbesitz

Wenk leitet die Dienststelle des dem Finanzministerium angeschlossenen Amts für Vermögen und Bau Baden-Württemberg. Das Amt betreut die Liegenschaften des Landes in der Einrichtung Staatliche Schlösser und Gärten (SSG) und verwaltet das Schloss Solitude und die dazugehörigen Bauten. „Mit Ausnahme der Hausnummern 8 und 10“, so Wenk, denn diese befänden sich als Erb­baurechtsgebäude in Privatbesitz.

Aus Wirtschaft, Kunst oder Wissenschaft und manchmal sogar aus der Politik kämen die Mieter, so Wenk – Ministerpräsidenten gehörten allerdings nicht dazu. Diese wohnen, wenn sie wollen, in der Dienstvilla, die nur wenige Schritte entfernt liegt. Nach Günther Oettingers Auszug im Jahr 2011 zeigten jedoch weder Nachfolger Stefan Mappus noch Winfried Kretschmann Interesse. Deshalb nutzt der Ditzinger Maschinenbauer Trumpf die Villa derzeit für Schulungen.

Auf Roland Wenks illustrer Namensliste ehemaliger Mieter stehen der legendäre Stuttgarter Choreograf John Cranko, die Architektin und Hochschullehrerin Herta Maria Witzemann, Opernintendant Klaus Zehelein, Theaterintendant Friedrich Schirmer, der Pianist Andrzej Ratusinski oder Helmut Engler, der erste Wissenschaftsminister des Landes Baden-Württemberg. Einfach eingeladen wird trotz Prominenz jedoch niemand. Wer ein Kavaliershäuschen beziehen will, durchlaufe ein offizielles Bewerbungsverfahren, sagt Roland Wenk. „Das Amt führt eine Bewerberliste und legt diese bei einer anstehenden Neuvermietung dem Finanzministerium zur Entscheidung vor“, so Wenk. Wer also einzieht, muss es wirklich wollen. Derzeit sind das unter anderem die Sopranistin Sarah Wegener, der Dramaturg Michael Huthmann, der schwedische Dirigent Per Borin und Susanne Gräfin Adelmann, Vorsitzende der Wohltätigkeitsorganisation „Live Music Now“.

Sanierung notwendig

So unterschiedlich wie die Charaktere der Mieter ist der Zustand der Häuschen, die eines gemeinsam haben: „Keines der Gebäude befindet sich im Originalzustand des 18. Jahrhunderts“, sagt Roland Wenk. Während manche Häuser bereits beim letzten Mieterwechsel renoviert worden seien, stehe das bei anderen noch aus.

Zwei Häuschen wurden vor acht Jahren ganz neu gebaut, ein weiteres zusammen mit der Akademie Schloss Solitude 1990 neu errichtet. Erst vor Kurzem verkündete das Amt immerhin, dass das Haus Nummer 6 saniert werden könne. „Es ist das Haus mit der schlechtesten Bausubstanz“, sagt Wenk – und das einzige, das zuletzt noch mit einem Kachelofen beheizt worden sei.

Schauspieler stellen historische Charaktere dar


Bewahrung Schloss Solitude wird von den Staatlichen Schlössern und Gärten (SSG) verwaltet, eine dem Finanziministerium unterstellte Einrichtung mit Sitz in Bruchsal mit 430 Mitarbeitern. Zu ihren Aufgaben gehört die Öffnung, Vermittlung, Entwicklung und Bewahrung der 59 landeseigenen historischen Monumente Baden-Württembergs. Im Jahr 2015 zählten die SSG insgesamt 3,77 Millionen Besucher aus mehr als 50 Ländern.

Führungen Regelmäßig veranstaltet die SSG Kostümführungen, bei denen historische Charaktere von Schauspielern dargestellt werden. Außerdem vermietet die Einrichtung repräsentative Gebäude für Konzerte, Tagungen oder Hochzeiten. Hohe Besucherzahlen verzeichnen das Schloss Heidelberg, das Residenzschloss in Ludwigsburg sowie das Kloster Maulbronn am Südwestrand des Strombergs. tjb