Stuttgart Kammerrebellen legen zu

Das IHK-Gebäude in der Stuttgarter Jägerstraße mit dem legendären Weinberghäusle im Hintergrund. Dort sollen die Weichen für Stuttgart 21 gestellt worden sein.
Das IHK-Gebäude in der Stuttgarter Jägerstraße mit dem legendären Weinberghäusle im Hintergrund. Dort sollen die Weichen für Stuttgart 21 gestellt worden sein. © Foto: Jürgen Schmidt
Stuttgart / JÜRGEN SCHMIDT 30.07.2016
Die Wahl zur IHK-Vollversammlung war für die kammerkritische Kakteen-Initiative ein voller Erfolg. Der nächste Zwist bahnt sich indes schon an.

Die Kaktus-Initiative ist der große Gewinner der Wahlen zu den Wirtschaftsparlamenten der Industrie- und Handelskammer  (IHK) Region Stuttgart. Die kammerkritische Unternehmergruppe konnte die Zahl ihrer Sitze in der Vollversammlung um die Hälfte gegenüber der letzten Wahl vor vier Jahren steigern. „Das Gebaren der IHK stößt offenbar nach wie vor auf Ablehnung“, versuchte Clemens Morlok, einer der Sprecher der Kakteen, das Ergebnis gegenüber dieser Zeitung zu erklären.

Mit 32 Mitgliedern stellt die Kaktus-Initiative nun fast ein Drittel der 100 Sitze des obersten Gremiums der IHK. 47 von 60 Kandidaten der Gruppe, die sich unter anderem für eine Senkung der Kammerbeiträge und eine Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft einsetzt, schafften den Sprung in die Voll- oder in eine der Bezirksversammlungen. Besonders zugelegt haben die Kakteen jenseits der Vollversammlung in Ludwigsburg, mit einem Zuwachs von fünf auf 15 Sitze. Ein Kaktus-Mitglied mehr als bislang sitzt künftig in der Bezirksversammlung Böblingen (6). In Esslingen blieb der Anteil konstant, im Rems-Murr-Kreis verlor die Initiative zwei Vertreter. Und die IHK-Bezirksversammlung Göppingen bleibt für weitere vier Jahre ohne Kakteen.

Insgesamt wurden in diesem Jahr nach Angaben der IHK 28 000 Stimmzettel bei der als Briefwahl durchgeführten Abstimmung abgegeben. Die Wahlbeteiligung für die Wahl der Vollversammlung habe bei 10,94 Prozent gelegen, das ist geringfügig mehr als vor vier Jahren. Damals hatten 10,68 Prozent der stimmberechtigten Unternehmen gewählt.  Größere Unternehmen, die im Handelsregister eingetragen sind, waren bei der aktuellen Wahl mit 15,7 Prozent Wahlbeteiligung deutlich aktiver als Kleingewerbetreibende (7,7 Prozent).

Wann sich die neuen Gremien, deren Amtszeit 2017 beginnt, genau konstituieren, ist noch offen. In einer Mitteilung nannte die IHK unbestimmt das erste Quartal als Zeitpunkt für die konstituierende Sitzung der Vollversammlung. Bis dahin bleibe die bisherige im Amt. Die scheinbar harmlose Mitteilung könnte zu neuem Zwist zwischen der bisherigen Kammerspitze und ihren stachligen Kritikern führen. Denn bei der Kaktus-Initiative befürchtet man, dass die Nachfolge von Hauptgeschäftsführer Andreas Richter noch von der alten Vollversammlung beschlossen werden könnte. Der 64-Jährige hauptamtliche Kammerchef, der seit 1998 im Amt ist, nähert sich dem Ruhestand. „Wir hoffen auf einen fairen Übergang“, sagte Morlok. Die Kaktus-Initiative erwarte, dass Richters Nachfolger von der neuen Vollversammlung gewählt werde, weil dieser dann auch mit dem neuen Gremium zusammenarbeiten müsse.

Neu wählen muss die Vollversammlung auch ihren Präsidenten, nachdem sowohl der bisherige Amtsinhaber Georg Fichtner, Inhaber gleichnamigen Beratungsunternehmens und Ingenieurdienstleisters, wie auch seine Stellvertreter Hans-Werner Schulte (Kreisparkasse Ludwigsburg) und Arthur Zimmermann (Ernst Klett AG) nicht mehr angetreten waren. Bislang hat noch kein Unternehmer seine Ansprüche öffentlich angemeldet, doch Auswahl gibt es reichlich, weil eine ganze Reihe bekannter Mittelständler künftig oder erneut in der Vollversammlung sitzt. Dazu gehören der geschäftsführende Gesellschafter des Autozulieferers Eberspächer (Esslingen), Heinrich Baumann, der Geschäftsführer der Werkzeugmaschinensparte bei Trumpf (Ditzingen), Mathias Kammüller, der Vorstandschef des Stuttgarter Kabelherstellers Lapp, Andreas Lapp, Kärcher-Chef Hartmut Jenner (Winnenden) oder der Vorstandsvorsitzende der Stihl AG, Bertram Kandziora. Auch die Großunternehmen wie Daimler und Bosch sind mit Vorständen oder Geschäftsführern in der Vollversammlung vertreten, doch traditionell lassen die Konzerne bei der Präsidentenkür den Mittelständlern den Vortritt.

Der wohl bekannteste Name unter den 245 Kandidaten bekam allerdings nicht genug Stimmen für den Einzug ins oberste IHK-Gremium: Ferdinand Piech. Zur Wahl gestellt hatte sich allerdings nicht der einstige VW-Patriarch sondern sein gleichnamiger Sohn, als Geschäftsführer von Feinkost-Böhm

Beiträge sollen sinken

Struktur Die Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart ist eine der größten Kammern in Deutschland. Nach dem aktuellen Geschäftsbericht hat die IHK 148 599 Mitglieder. Knapp ein Drittel davon sind im Handelsregister eingetragene Unternehmen, der größte Teil  kleinere Gewerbetreibende.

Einnahmen Im vergangenen Jahr nahm die IHK von ihren Mitgliedsunternehmen 39,3 Millionen Euro an Beiträgen ein, eine Zahl die durchaus umstritten ist. Weil die Kammer nach eigenen Angaben über eine Ausgleichsrücklage von 18,8 Millionen Euro verfügt, fordert die Kaktus-Inititiative niedrigere Beiträge. Kurz vor der Wahl zur Vollversammlung hatten die IHK-Kritiker dazu aufgerufen, gegen die aktuellen Beitragsbescheide Widerspruch einzulegen.jüs

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