Stuttgart Kalkulierte Planlosigkeit

Eine Szene aus "The King's Wives": Das Stück basiert auf Gesprächen, die Schauspieler mit Witwen geführt haben. Diese wirkten auch selbst mit.
Eine Szene aus "The King's Wives": Das Stück basiert auf Gesprächen, die Schauspieler mit Witwen geführt haben. Diese wirkten auch selbst mit. © Foto: Schauspiel Stuttgart
Stuttgart / TILMAN BAUR 31.03.2016
Das Schauspiel "Nord" hat sich seit Jahresbeginn in ein Labor verwandelt. Besser: das Nordlabor. Die Theatermacher experimentieren dabei mit neuen Theaterformen. Die Spielstätte soll attraktiver werden.

Noch direkter mit dem Publikum in Kontakt treten, die "Grenze zwischen Akteuren und Zuschauern verflüssigen". So steht es im programmatischen Text "Mehr vom Nord". Die Theatermacher rund um den Stuttgarter Schauspiel-Indentanten Armin Petras möchten mit ihren Zuschauern "diskutieren und spielen, essen und trinken, kochen, singen, tanzen und feiern - und all das Theater werden lassen". Was noch etwas abstrakt klingt, ist ein Experiment, das Anfang des Jahres losgetreten wurde.

Wieso? Urbanes Flair wollte von der in der Löwentorstraße gelegenen Spielstätte "Nord" des Stuttgarter Schauspiels nur eingeschränkt ausgehen, da waren sich Theaterleute und Publikum einig. Die Zuschauer fuhren ins "Nord", kauften sich eine Karte, sahen die Vorstellung an und gingen wieder. Theater könne und müsse aber mehr sein, so der Anspruch der Stuttgarter Verantwortlichen. "Wir wollten einfach ausprobieren, was Theater noch alles kann", sagt Katrin Spira.

Die Dramaturgin gestaltete das erste Nordlabor mit und ist auch im Mai beim zweiten mit an Bord. "Die Idee war, das Nord' weiter in die Stadt hinein zu öffnen", so Spira. Immer im Blick: Die Idealvorstellung eines Stadttheaters, geprägt vom Austausch mit dem Publikum. "Dieser Austausch steckt im ,Nord' noch ziemlich in den Anfängen. Durch das Laborformat bewegen wir uns weg vom einseitigen Theaterbesuch, der zusammen mit der Vorstellung endet." Womit experimentieren die Nordlaboranten also? "Im Mittelpunkt stehen Begegnungen, die normalerweise so nie zustande kommen", erklärt Katrin Spira. Am "Nordlabor 1" - Motto: "Abschied von gestern" - beteiligten sich etwa Studierende der Kunstakademie, eine Gruppe von Geflüchteten und der Posaunenchor der evangelischen Christuskirche in Stuttgart.

Exemplarisch für das Nordlabor steht das Stück "The King's Wives", das Intendant Petras mit Schauspielern des Ensembles entwickelte. Grundlage des Stücks sind Gesprächsprotokolle aus Begegnungen der Schauspieler mit Witwen aus Stuttgart. Auf der Bühne verkörperten die Schauspieler das Leben der Witwen, die auch selbst bei den Aufführungen mitwirkten. Die intensive Beteiligung, mindestens aber das Mitdenken und Mitgestalten ist es, was das Nordlabor erreichen will. "Es soll immer auch eine Begegnung auf Augenhöhe sein", sagt Katrin Spira.

Bei einem anderen Projekt, der "Kulturküche", kochten und aßen Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, danach ging es zusammen in die Vorstellung. Was das noch mit Theater zu tun habe, könnten Skeptiker fragen. Und genau diese Fragen provoziert das Nordlabor. "Was wir hier machen, ist Theater im besten Sinne", sagt Katrin Spira. Mehr als Lust auf Kunst und Musik brauche man für einen Besuch im Nordlabor jedenfalls nicht, so die Dramaturgin. Mit allem, nur nicht mit einem konventionellen Theaterabend solle man rechnen.

Im Mai geht es mit dem zweiten Nordlabor unter der künstlerischen Leitung von Sänger und Regisseur Schorsch Kamerun weiter. Zehn Abende unter dem Motto "Das glaubst Du ja wohl selber nicht" stehen an. Was auf die Zuschauer da genau zukommt, weiß Katrin Spira nicht so genau. "Schorsch Kamerun entwickelt vor Ort, Arbeits- und Laborphase gehen bei ihm Hand in Hand", sagt sie. Jeder Abend, das jedenfalls sei sicher, werde anders verlaufen. Thematischer Überbau sei die Beat-Generation der 60 Jahre, auch Pop-Literatur spiele eine Rolle. Präsentiert werde das Ganze als begehbare Installation mit verschiedenen Aufführungsinseln. Was genau passiert, weiß auch selbst Schorsch Kamerun noch nicht - eine kalkulierte Planlosigkeit, die gut zum Laborkonzept passt.

www.schauspiel-stuttgart.de

Platz für bis zu 150 Zuschauer

Studiobühne Das Stuttgarter Schauspiel verfügt über drei Spielstätten - das Schauspielhaus mit rund 680 Sitzen neben der Oper im Schlossgarten, das Kammertheater mit 420 Sitzen an der Neuen Staatsgalerie (Konrad-Adenauer-Straße) sowie das "Nord". Die Studiobühne des Schauspiels bietet Platz für bis zu 150 Personen. In dem Haus am Löwentorbogen oberhalb des Hauptbahnhofs, einem ehemaligen Produktionsgebäude, befindet sich auch das Probenzentrum der Staatstheater, die aus Schauspiel, Oper und Ballett bestehen. eb

SWP

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