Museum Kämpfen wie die Ritter

Joachim Selinger und Ehefrau üben im Alten Schloss die Kunst des Schwertkampfes.
Joachim Selinger und Ehefrau üben im Alten Schloss die Kunst des Schwertkampfes. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Von Nadja Otterbach 10.11.2018

Sie stehen sich gegenüber, kampfbereit und mit ernstem Blick. Beide haben ein langes Schwert in der Hand. Gleich werden sich Joachim Selinger und seine Frau duellieren wie einst die Ritter im Mittelalter. Der 51-Jährige holt aus, schwingt die silberglänzende Waffe langsam nach vorn, lässt sie über die Schulter seiner Liebsten gleiten und atmet hörbar aus. Er wiederholt das Ganze so lange, bis seine Bewegungen flüssig wirken. Wechsel. Jetzt darf seine Frau ihm mit dem Schwert auf die Pelle rücken. Selinger zieht noch schnell seinen Woll-Pullover aus – sicher ist sicher – und geht in Position.

Hier ist nicht etwa ein Ehestreit ausgebrochen. Das Stuttgarter Paar hat einen Schnupperkurs im Landesmuseum gebucht. Im Rahmen der Sonderausstellung „Faszination Schwert“ zeigen Experten der Gladiatores Stuttgart, eine Schule für historische europäische Kampfkunst, wie es sich anfühlt, mit einer 1,2 Kilo schweren Waffe zu hantieren.

Auf dem Programm: die Grundtechniken der Fechtkunst des 14. bis 17. Jahrhunderts mit dem Langen Schwert. Nils Stracke, Chef der Schule, erklärt jeden noch so kleinen Bewegungsablauf detailliert. „Die Kraft, die ich für einen Hieb benötige, kommt aus dem rechten Arm“, sagt er. „Die Klingen berühren sich, sie sprechen miteinander.“ Stracke möchte dem Ehepaar die drei Wunder der historischen Kampfkunst nahebringen – so werden die drei Angriffsvarianten genannt: Hieb, Schnitt und Stich. Ein Wunder, dass sich die Eheleute dabei nicht verletzen, ist es nicht. Die Klingen sind stumpf. Was früher tödlicher Ernst war, ist heute Sport. Es geht um Millimeterarbeit, Körperbeherrschung, Koordination. Stracke ist überzeugt, dass das Fechten Körper und Geist vereint. „Man lernt, mit Verantwortung umzugehen. Man hat etwas in der Hand, mit dem man verletzen kann.“

Für Friedrich, 77, extra aus Mannheim angereist, ist schon das bloße Festhalten des Griffes ein Kampf. Seine Hände sehen aus, als hätten sie sich ineinander verknotet. „Als ich 20 war, gab es diese Kurse nicht“, bedauert er. Er habe sich schon immer für Geschichte interessiert, jetzt wolle er wissen, wie sich das anfühlt, ein Schwert in der Hand zu halten, „wie der Herzog auf dem Denkmal da draußen“. Während er sich das Zorn- und Diagonalhauen zeigen lässt, sagt er: „Das ist mal eine andere Art, Gymnastik zu machen.“

Nach Turnübungen sieht der Schwertkampf nicht aus, den das Ehepaar Selinger am anderen Ende des Raumes austrägt. Die Stahlwaffen treffen aufeinander, und Nils Stracke wird nicht müde zu erklären, dass sich lediglich die Flächen der Schwerter berühren sollen, nicht aber die Schneide, wie es in historischen Spielfilmen oft gezeigt werde. „Das machen wir dreimal, spätestens dann brechen die durch“, prophezeit er.

Joachim Selinger und seiner Frau hat‘s Spaß gemacht, Berührungsängste mit Waffen haben sie ohnehin nicht. Seit 20 Jahren trainieren sie die japanische Kampfkunst Aikido – mit Holzstäben. Für sie der perfekte Weg, um im Gleichgewicht zu bleiben, wie sie sagen.

Ein paar Stockwerke weiter oben in der Ausstellung erfahren die beiden alles über die Kulturgeschichte des Schwertes – und können sich von Kampfszenen im Film ein bisschen was abgucken.

Weitere Fechtkurse zur Ausstellung

Die Ausstellung ist noch bis 28. April 2019 zu sehen. Und es gibt weitere Schnupperkurse für Erwachsene.

Historisches Schwertfechten mit dem Langen Schwert kann man am 16. Dezember und am 13. Januar jeweils von 10 bis 17 Uhr lernen. Anmeldung an stuttgart@gladiatores.de

Für Frauen gibt’s am 8. März jeweils um 15, 16 und 17.30 Uhr einen Schwertfecht-Kurs – ohne Anmeldung.

Bühnenfechten mit dem Langschwert wird am 26. Januar und 23. März von 10.15 bis 15 Uhr angeboten. Tickets gibt’s im Vorverkauf an der Museumskasse.

Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren können am 5. März einen Kurs besuchen (9.30 bis 10.30 Uhr oder 11 bis 12 Uhr). Anmeldung an info@landesmuseum-stuttgart.de. nad

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