Ein markanter Schnauzer, Zwicker und ein entschlossener Blick: Theodor Harpprecht wirkt auf dem Porträtfoto dynamisch und sportlich. Der Eindruck trügt nicht. Der Jurist aus Ludwigsburg war ein hervorragender Alpinist. 1865 erstieg er den Großglockner, 1869 als erster die Thurwieserspitze in der Ortlergruppe über den Ostgrat, am Ortler (3905 Meter) selbst, damals der höchste Gipfel der Donaumonarchie, eröffnete er 1872 den Weg über den Hintergrat wieder.

Doch nicht nur als Bergsteiger tat sich Harpprecht hervor. Er zählt zu den Mitbegründern des Deutschen Alpenvereins. Als sich am 9. Mai 1869 der provisorische Ausschuss des Deutschen Alpenvereins in München konstituierte, stand der Name des Justiz-Assessors auf der Liste dieser Vereinspioniere. Und am 28. Oktober des gleichen Jahres war er dabei, als im Damenkaffee in der Olgastraße 35 in Stuttgart die Sektion Schwaben gegründet wurde. Harpprecht war der erste Schriftführer des Vereins, der die Mutter zahlreicher Alpenvereins-Sektionen in Württemberg war.

Immer mehr Mitglieder

Dank Harpprecht kann die Sektion Schwaben in diesem Jahr das 150-jährige Bestehen feiern. Und es gibt Grund zum Jubilieren. Die Sektion ist mit über 32 000 Mitgliedern die drittgrößte in ganz Deutschland, und gewinnt jedes Jahr zwischen drei und vier Prozent hinzu. Sie hat so gar nicht unter Nachwuchsproblemen zu leiden. Den Ausschlag dafür geben zahlreiche Faktoren. Die Kletterhallen der Sektion ziehen die Jugendlichen magisch an. Und Wandern und Bergsteigen liege laut dem Alpenverein im Trend.

Doch nochmal zurück zum Gründungsgeschehen. Zu der denkwürdigen Versammlung im Damenkaffee 1869  hatten sich elf Männer eingefunden, darunter Harpprecht. Kreisgerichtsrat Freiherr von Gemmingen, so heißt es in der Jubiläumsschrift von 1919, habe das Ziel der Zusammenkunft erläutert. Die elf Männer sowie acht weitere, die schriftlich beigetreten waren, entschieden sich für die Bezeichnung „Sektion Schwaben“, weil sie „die Bergfreunde im ganzen Schwabenlande“ gewinnen wollten. So wurde der Alpenverein der erste in Württemberg, der Wanderlust und Naturfreude auf sein Banner geschrieben hatte. Der Schwäbische Albverein wurde erst 19 Jahre später gegründet.

Von Hütten auf ferne Gipfel

„Die Alpen waren damals ein fernes, verschlossenes Reich“, heißt es im Jubiläumsband von 1969. Sie zugänglich zu machen in einer Zeit, als auch der Eisenbahnbau vorankam, war das Ziel der Gründer-Sektionen. Wegen der Entfernungen von den Taldörfern bis zu den fernen Gipfeln machte man sich daran, Schutzhütten zu errichten, um von dort aus bei günstiger Gelegenheit zu starten. Die Sektion Schwaben beschloss 1881 die Jamtalhütte bei Galtür im Paznauntal zu bauen, 1882 wurde sie eröffnet. 1901 kam das Hallerangerhaus im Karwendel hinzu, 1910 die Stuttgarter Hütte im Arlberggebiet.

Gegenwärtig unterhält die Sektion sechs Schutzhütten in den Alpen. Zuletzt kam durch die Verschmelzung mit der Sektion Sudeten eine Hütte in der Nähe des Großglockners hinzu. Die Sudetendeutsche Hütte ist mit 2650 Metern auch die höchstgelegene von allen. Außerdem verfügt die Sektion auf der Schwäbischen Alb über Immobilien: das Harpprechthaus bei Lenningen-Schopfloch, die Gedächtnishütte in dessen Nähe und das Werkmannhaus bei Bad Urach.

Weil der Alpenverein sich so erfolgreich entwickelte, blieb es im Lande nicht bei der Sektion Schwaben. Seit 1904 gibt es auch eine Sektion Stuttgart, die sich aus einer Klettergruppe des MTV Stuttgart entwickelt hatte.

Viele junge Leute finden zum Alpenverein über die Kletterhallen. Auf der Waldau verfügt die Sektion über eine gemeinsam mit der Sektion Stuttgart betriebene Halle, weitere gibt es in Aalen und Kirchheim. Zum 1. Januar dieses Jahres hat der Verein eine Halle in Zuffenhausen erworben. Die „Rockerei“ spricht insbesondere Boulderer an.

Hohe Investition steht an

Allerdings bedeuten die vielen Immobilien auch eine erhebliche Baulast. Der Hüttenbetrieb ist sowieso ein Zuschussgeschäft. Der Unterhalt ist teuer. Dieses Jahr will die Sektion die Sanierung zur Schwarzwasserhütte am Hohen Ifen angehen und in der Folge auch die Hütte erneuern. „Dort steht eine siebenstellige Investition an“, berichtet Mönich.

Harpprecht war es nicht vergönnt, die Blüte seiner Sektion zu erleben. Bereits 1885 erlag er im Pflegeheim auf der Karlshöhe bei Ludwigsburg einem schweren Leiden. Der Pionier wurde nur 45 Jahre alt.

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Jüdische Mitglieder zum Austritt gezwungen


Lange Zeit war der Umgang der Sektion mit ihren jüdischen Mitgliedern ein Tabu. Im Jubiläumsband zum 100-jährigen Bestehen 1969 erwähnte der Autor nur, dass zu Beginn der Hitler-Zeit 66 Mitglieder jüdischer Abstammung zum Austritt gezwungen worden seien. Erst 2008 leuchtete die Sektion das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte aus und identifizierte 58 Betroffene.

Vorsitzender der Sektion Schwaben zwischen 1933 und 1945 war der Nationalsozialist Hermann Cuhorst. Er leitete in Stuttgart den Sondergerichtshof und verkündete in Blitzverfahren Todesurteile. In einer Erklärung bedauerten die Mitglieder „den Ungeist der Intoleranz und des Hasses“ in ihren Reihen während der NS-Zeit. web