Nachhaltigkeit Ist ein Plastiktütenverbot sinnvoll?

Plastiktüten auf dem Wochenmarkt: Wenn es nach den Grünen ginge, wäre das in Stuttgart bald Geschichte. Foto:
Plastiktüten auf dem Wochenmarkt: Wenn es nach den Grünen ginge, wäre das in Stuttgart bald Geschichte. Foto: © Foto: © ARIMAG/Shutterstock.com
Stuttgart / Sandra Gallbronner 26.07.2018

Plastiktüten, PET-Flaschen, Zigarettenkippen – rund drei Viertel des Mülls, der in den Meeren landet, besteht aus Kunststoff. Der Stuttgarter Grünen-Fraktion ist das ein Dorn im Auge. Bereits vor drei Jahren regte sie den freiwilligen Verzicht auf Plastiktüten in Stuttgart an. Seither hat sich viel getan: Einige Geschäfte der Innenstadt bieten mittlerweile gar keine Plastiktüten mehr an.

Doch das reicht den Grünen nicht. „Noch immer werden an zahlreichen Ständen der Stuttgarter Wochenmärkte ungefragt Plastiktüten ausgegeben“, heißt es in einem Antrag, in dem die Fraktion fordert, Plastiktüten auf den städtischen Flächen zu verbieten. Standbetreiber auf Wochenmärkten, der Markthalle oder dem Weihnachtsmarkt müssten sich dann Alternativen überlegen.

Bei einem Rundgang über einen Wochenmarkt und durch die Markthalle wird allerdings klar: Alternativen gibt es an den meisten Ständen bereits. Bei Wochenmarkt-Standbetreiber Udo Somnitz etwa geben die Verkäufer generell Papiertüten heraus. Nur auf Nachfrage werden Obst oder Gemüse in Plastik gepackt. „Manche mögen das lieber“, weiß eine Mitarbeiterin und Somnitz ergänzt: „Plastik ist vom Handling besser.“

Dennoch ist Papier stark gefragt. Im Schnitt sind 80 Prozent der Tüten, die Somnitz herausgibt, aus Zellstofffasern, in der Obstsaison sind es sogar bis zu 95 Prozent. Für den Händler hat das Material jedoch einen Nachteil: Es ist deutlich teurer in der Produktion als die Plastikvariante. Dennoch bietet Somnitz Papiertüten kostenlos an: „Das ist ein Service, den wir unseren Kunden bieten wollen.“

Nicht alle Händler wollen sich einen solchen Service leisten. Gaby Mayer, die einen Obst- und Gemüsestand in der Stuttgarter Markthalle betreibt, verlangt deshalb 30 Cent pro Papiertüte und weiß: „Viele Menschen wollen das nicht bezahlen.“ Vor allem Touristen würden explizit Plastiktüten verlangen.

Ohnehin ist Papier nicht gleich umweltfreundlich. Bei der Produktion von Papiertüten wird doppelt so viel Energie benötigt wie bei Plastiktüten. Somit ist eine Papiertüte erst nach mehrmaligem Verwenden „grüner“ als die Variante aus Kunststoff. Das beherzigen viele Kunden bereits, weiß Somnitz: „Viele kommen mit den Tüten – egal welches Material – wieder.“ Zudem würden allgemein mehr Körbe und Taschen verwendet. Das bestätigt auch Mayer: „Man merkt, dass der Verbrauch an Plastiktüten zurückgegangen ist.“

Aus diesem Grund sieht die CDU-Fraktion den Antrag der Grünen kritisch: „Dieser Weg wird sich weiter in die richtige Richtung bewegen – auch ohne Verbote“, sagt Alexander Kotz, CDU-Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat. Ähnlich sieht das die SPD, wie die Vize-Fraktionsvorsitzende Susanne Kletzin erklärt: „Unser Ansatz sind keine Verbote, die im Nachhinein viel Überzeugungsarbeit benötigen.“ Vielversprechender sei es, die Verbraucher zu sensibilisieren. Vor allem durch Bildung könne man hier frühzeitig etwas bewirken. Infokampagnen fordern auch die Grünen.

 Ganz ohne Plastik gehe es allerdings kaum, erklärt Sachiko Eßlinger, Verkäuferin bei Gaby Mayer: „Bei nassen Lebensmitteln wie Salat würde Papier durchweichen. Auch die Haltbarkeit ist schlechter.“ Bei Obst hingegen könne man bedenkenlos auf Plastiktüten verzichten. Bei einem Verbot von Plastiktüten auf städtischen Flächen müsste man auf beschichtete Papiertüten ausweichen, erklärt Somnitz: „Das ist zwar schwierig, aber machbar.“

Große Unternehmen haben indes vorgemacht, wie Plastikmüll reduziert werden kann: Während die Drogeriemärkte Müller und „dm“ für Kunststofftüten zwischen 5 und 20 Cent verlangen, gibt es in den Rewe-Supermärkten keine Plastiktüten mehr. Stattdessen gibt es Baumwollbeutel, Papiertüten, Jutetaschen oder Kartons. Auch Obst und Gemüse können in Papier- oder Mehrwegtüten verstaut werden. Doch auch hier gilt: Umweltfreundlicher ist das nur, wenn die Tüten häufig wiederverwendet werden.

Infokasten
Mehrweg statt Einweg

Unverpackt-Läden boomen. Auch in Stuttgart gibt es lose Waren zu kaufen. Jens-Peter Wedlich betreibt seit Mai 2016 das Geschäft „Schüttgut“ in der Vogelsangstraße. Die Kunden bringen eigene Behälter mit und füllen sie mit Nudeln, Gewürzen oder Drogerieartikeln.

Das Pfandbechersystem gibt es ebenfalls immer häufiger. Ziel ist es, die Zahl an Pappbechern für To-go-Getränke zu reduzieren. Deshalb sollen mehrfach verwendbare Pfandbecher ausgegeben werden. Geben Kunden sie wieder ab, gibt es auch das Pfand zurück. Die Stadt Stuttgart ist derzeit auf der Suche nach einem Partner für das Pfandsystem, das 2019 starten soll. sga

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