Es ist eine sentimentale Reise von Vater und Tochter nach Deutschland. Frank Lulich, 77, aus Oregon, war zwischen 1970 und 1972 mit der US Airforce in Stuttgart stationiert. Jetzt ist er nach 44 Jahren für drei Tage zurückgekehrt, um seiner Tochter Maryanne, 45, ihre Geburtsstadt zu zeigen. Sie war gerade ein Jahr alt, als ihre Eltern wieder zurück in die USA gingen, ist aber genauso neugierig auf die Stadt wie ihr Vater, der viel von den Jahren in Deutschland erzählt hat.

Maryanne war es auch, die im Internet recherchiert hatte, ob es in Stuttgart „Greeter“ – Privatpersonen als Stadtführer – gibt. Mit ihnen hat sie bereits in Chicago und Zürich ganz besondere Stadttouren erlebt. „Ich bin an Geschichte und Kultur interessiert und wie die Menschen in einer Stadt arbeiten, essen und leben“, sagt sie. „Bei einer kommerziellen Stadtrundfahrt im Bus geht es um die offiziellen Sehenswürdigkeiten. Bei den ,Greeter’-Touren bekomme ich Informationen, die nicht im Reiseführer stehen, und einen viel intimeren Blick auf eine fremde Stadt.“

Altes Schloss, Stäffele, Markthalle, Rathaus, Rosensteinpark – auch Volker Karcher führt zu den Stuttgarter Highlights. Aber er konzentriert sich dabei immer auf besondere Aspekte. Im Rathaus wird Paternoster gefahren, in der Musikhochschule der Aussichtspunkt im Turm bestiegen, im Züblin-Parkhaus das Urban-Gardening-Projekt auf dem Dach oder im Leonhardsviertel das Nebeneinander von Rotlichtviertel, Gastwirtschaften und Handwerksbetrieben vorgestellt und angesehen. „Aus voller Überzeugung“ ist der 65-Jährige seit knapp zwei Jahren „Greeter“. Der gebürtige Badener, ehemaliger Unternehmensberater in der Finanzwirtschaft, lebt seit 1969 in Stuttgart. In diesen Jahren ist ihm die Stadt ans Herz gewachsen, nicht zuletzt, weil er sieben Jahre zusammen mit Gerhard Raff, dem schwäbischen Dialektautor und Experten der Schwäbischen Heimatgeschichte, im gleichen Haus gewohnt hat.„Eine Stadt erschließt sich über viele Facetten – Kultur, Politik, Soziales – und etwas Spiritualität ist auch dabei. Ich bereite mich immer gut vor und suche Bezugspunkte für meine Gäste.“ Den Gästen aus Oregon zeigt er die Mammutbäume, die König Wilhelm in der Stadt verteilt pflanzen ließ, und die bei Frank und Maryanne sofort Heimatgefühle wecken. Redwoods sind in ihrer Heimat sehr beliebt und weit verbreitet.

„Was mich anspornt, sind Gäste, die keine besonders gute Meinung von Stuttgart haben“, sagt Volker Karcher. Er hat auch keine Scheu, Stuttgarter zu führen, die meinen, ihre Stadt sehr gut zu kennen. Das komme relativ häufig vor. Bisher gab es für alle Skeptiker immer einige Aha-Momente. Und schnell werden aus den ursprünglich geplanten drei schon mal vier Tourstunden.

Gegründet wurde die Stuttgarter „Greeter“-Organisation von André Dieterle, der eigentlich als IT-Berater für eine Krankenkasse in Stuttgart arbeitet. Ausschlaggebend war eine Wochenendreise nach Moskau, in der der 39-Jährige selbst einen „Greeter“ buchte: „Ich wurde von einem Studenten durch Moskau geführt und habe dabei Sachen kennengelernt, zu denen man als Ortsfremder keinen Zugang hat. Streetart, Streetworker und Szenekneipen hätte ich allein nie gefunden.“

Wieder zu Hause gründete er 2013 die Stuttgarter Organisation, die inzwischen aus einem festen Kern von sechs Führern besteht. Jeder macht ein bis zwei Touren pro Monat. Jeder „Greeter“ zeigt das, was ihm besonders wichtig ist. „Es ist, wie wenn dir ein Freund seine Stadt zeigt, ganz persönlich und subjektiv.“  Übers Internet wird jedoch vor der Tour abgeklärt, welche besonderen Interessen und Erwartungen der Gast hat und dann der dazu passende „Greeter“ ausgewählt.

Ein Privatführer arbeitet ehrenamtlich, die Gäste zahlen nichts. „Ich profitiere in anderer Hinsicht. Es bringt mir jedes Mal auch persönlich viel, wenn ich Gäste durch meine Stadt führe“,  beschreibt André Dieterle seine Motivation.

Angebot gibt es deutschlandweit zwölfmal

Begrüßer Ihren Ursprung nahm die „Greeter“-Bewegung 1992 in New York.  Seitdem sind viele Länder und Städte dazugekommen. In Deutschland finden „Greets“ in zwölf Städten statt, unter anderem in Berlin, Hamburg, Dresden, Kassel, Mannheim, München oder Stuttgart. Nach den Grundsätzen der internationalen „Greeter“-Bewegung dürfen die Führungen nichts kosten, maximal sechs Teilnehmer umfassen, und das Programm soll individuell auf die Gäste zugeschnitten werden.

Konkurrenz „Wir sehen die Stuttgarter ,Greeter’-Bewegung nicht als Konkurrenz zu den von uns angebotenen Stadtführungen“, sagt Andrea Gehrlach, Prokuristin der Stuttgart-Marketing GmbH. „Das Angebot der ,Greeter’ läuft von privat zu privat. Es handelt sich also um ein völlig anderes Projekt, das sich an einen anderen Gästekreis wendet. Die Stadtführer erfahren bei uns eine lange Ausbildung und sind dann auf die für die Region Stuttgart touristisch relevanten Themen spezialisiert.“bw