Stuttgart In der IHK-Weinberghütte sollen Weichen für S 21 gestellt worden sein

Stuttgart / RAIMUND WEIBLE 12.12.2014
Die IHK Stuttgart besitzt ein Wengerthäusle. Dieser Fakt allein wäre keine Geschichte wert. Doch dieses Häusle ist von politischer Bedeutung. Dort wurde schon manches auf den Weg gebracht.

Dieser Anblick löst Staunen aus bei Fremden: Gleich hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof erhebt sich ein steiler Rebenhang. Auswärtige hätten das nie in einer Großstadt vermutet: Ein Weinberg mitten im Zentrum. Die Einheimischen kennen den Kriegsberg. Denn so heißt der Hang. Aber nur die wenigsten wissen, was es mit dem einen von den beiden Weinberghäuschen auf sich hat. Jenem, von unten gesehen, linken mit weißem Obergeschoss und rotem Dach.

Der Weinberg und das Häuschen gehören der Industrie- und Handelskammer (IHK) Stuttgart. Sie ist die einzige von 80 Kammern in der Republik, die einen Wengert direkt an ihrem Verwaltungsgebäude und dazu noch ein Häusle besitzt. Doch das allein wäre eine nette Episode am Rande. Was das Häusle so interessant macht, ist seine politische Bedeutung. In dieses Häusle lädt die IHK die Granden der Region zu Gesprächen, über deren Inhalt selten etwas nach außen dringt.

Dass es das Häuschen in der heutigen Form gibt, verdankt die IHK ihrem früheren Präsidenten Berthold Leibinger. Von ihm stammte die Idee, das im Krieg zerstörte Häusle nach alten Zeichnungen wieder aufzubauen. Nur der innere Teil mit dem Gewölbekeller stand noch, er wurde 1985 ergänzt mit einer kleinen Küche und einer Toilette. Die IHK machte, so Hauptgeschäftsführer Andreas Richter, keine "Schickimicki-Bude" daraus. Im Gewölbekeller mit seinen unverputzten Wänden stehen ein Holztisch und 14 Stühle - mehr geht auch nicht rein.

Der obere Raum wird nie genutzt. "Man tagt nur im Gewölbe", sagt Richter. Den kleinen Runden kredenzt die IHK Kriegsberg-Riesling von seltener Qualität. In den Gesprächen wurde, glaubt man Insidern, schon manches auf den Weg gebracht. Beispielsweise gegen den sich dagegen sträubenden Ministerpräsidenten Erwin Teufel der Verband Region Stuttgart. Oder auch das Projekt Stuttgart 21.

Dass darüber im Weinberghäusle in den frühen 1990-er-Jahren gesprochen worden ist, will Richter nicht bestreiten. "Die IHK macht dort ihre Politik", räumt er ein. Aber dass hier oben die Entscheidungen für gewichtige Dinge gefällt worden wären, das bezweifelt er. "Für politische Einflussnahme reicht ein Gespräch nicht aus", sagt der erfahrene Lobbyist.

Jenen, die das Wengert-Gewölbe zum Symbol für schwäbischen Filz, Cliquenwirtschaft und Gschaftlhuberei stilisieren wie der Autor Josef-Otto Freudenreich, unterstellt der Hauptgeschäftsführer eine Portion zu viel Phantasie. So sei schon der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann zu Gast gewesen, dem noch niemand vorgeworfen hat, mit Konservativen zu kungeln. Bis zu zwölf Mal im Jahr treffen sich Präsident Georg Fichtner und das Präsidium mit Gesprächspartnern, darunter der US-Botschafter, die Rektoren der Hochschulen und die Bundestagsabgeordneten im Kammerbezirk. Vor der Stuttgarter OB-Wahl wurden auch Fritz Kuhn und sein Konkurrent Sebastian Turner ins Häusle gebeten.

Ganz sicher: Der Kreis, der sich im IHK-Häusle trifft, ist ein illustrer Kreis. Die Eingeladenen dürfen sich durchaus ausgezeichnet fühlen. Manche wären froh, sie seien schon mal im Wengerthäusle gewesen. Nicht nur, um den Riesling zu probieren, den es nicht zu kaufen gibt.

Der Weinberg gehört der IHK schon seit 1938

Moser von Filseck "Wir sind froh, dass wir das Häusle haben", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter, "eine IHK würde sich heute nicht mehr trauen, so ein Häuschen zu erwerben." Das Häusle mit dem dazugehörenden Weinberg und dem Grundstück samt Villa am Bergfuß kaufte die IHK 1938 der Familie Moser von Filseck aus Göppingen ab, um dort ihren Verwaltungssitz zu bauen.

Riesling Nach dem Bau der neuen Zentrale an der Jägerstraße erweiterte die IHK ihre Rebfläche um zwei auf neun Ar. Auf zwei Dritteln des Wengerts baut sie Trollinger an, auf einem Drittel Riesling. Das ergibt pro Jahr 7000 Flaschen Wein. Der Riesling ist preisgekrönt. Den Kammerwein schenkt die IHK auf eigenen Terminen aus.

 

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