Das Schneckenhaus ist ein Synonym für einen Schonraum, in den man sich bei Überforderung zurückziehen kann – aber aus dem man auch seine Fühler ausstrecken kann, sobald die Zeit reif ist. In Stuttgart-Plieningen sind fünf besondere Schneckenhäuser zu finden. So nennen sich Sondereinrichtungen für Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung.

Seit 2003 gibt es das teilstationäre Ganztagsangebot. Träger ist die kirchliche Stiftung Jugendhilfe aktiv. Morgens steht für die Erst- bis Neuntklässler in Siebenergruppen Lernen an. Dazu unterhält die Dietrich-Bonhoeffer-Förderschule mit Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung drei Klassen auf dem Gelände der Wilhelmspflege unmittelbar neben den Schneckenhäusern. Zudem lernen die älteren Kinder in zwei externen Sekundärklassen, die in die Gemeinschaftsschule am Ort sowie eine Sonderschule in Möhringen ausgegliedert sind. Besonderheit: Der Unterricht ist überaus strukturiert, „denn über Regeln und Rituale sind die Kinder gut zu erreichen“, sagt Anja Ott, die zuständige Bereichsleiterin.

Nachmittags geht es in den fünf Schneckenhaus-Fördergruppen weiter. Soziales Lernen steht im Mittelpunkt. Praktisches, etwa das Tischdecken, wird trainiert. „Schon ein Mittagessen ist ein Übungsfeld ohne Ende“, sagt Ott. Außerdem werden die Mädchen und Jungen bei Ausflügen und Freizeiten an den Alltag herangeführt. Diese ganzheitliche Konzeption ist nach eigenen Angaben im Großraum Stuttgart einzigartig. „Jugendhilfe und Schule sind eng verzahnt“, betont Ott.

Sie erklärt, dass Kinder mit derartige Entwicklungsstörungen in normalen Schulen im sozialen Kontext überfordert sind. Manche Autisten reagierten extrem sensibel auf Reize, bei den meisten stelle die soziale Interaktion ein Problem dar, weil sie Mimik oder Gestik schwer deuten könnten. Bei manchen komme eine geistige Behinderung hinzu. Viele Kinder hätten Schulabbrüche hinter sich. „Da ist ein Bedarf und eine Not bei den Familien, deren Kinder durch alle Raster fallen“, sagt der Regionalleiter Thomas Kuhn. Die Interessenten kommen aus Stuttgart, dem Filderraum und umliegenden Kreisen.

Primäres Ziel: Die Kinder so stärken, dass sie selbstständig genug sind für die Regelschule oder auch eine Ausbildung. Otts liebste Geschichte: Ein Schneckenhaus-Kind studiere heute Informatik.