Freitag, 27 / Von Kerstin Rech

Freitag, 27. März 1987. Anja Aichele verbringt den Abend bei einer Jugendgruppe der evangelischen Luthergemeinde im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt. Um zehn Uhr abends will die 17-jährige Schülerin wieder daheim sein, doch ihre Eltern warten vergebens. Was sie an diesem Abend noch nicht wissen: Ihre Tochter wird den Weg nach Hause nicht mehr finden.

Die Polizei, die die Eltern noch am selben Abend verständigen, geht aber zunächst von einem Vermisstenfall aus, auch wenn die Kollegen schon ahnen: Es könnte etwas Schlimmeres passiert sein. Am folgenden Tag werden die Weinberge rund um die Wohngegend Muckensturm, jenem Teil von Bad Cannstatt, in dem die Aicheles wohnen, von einer Hundertschaft der Polizei mit Spürhunden durchsucht, ebenso wie die an die Weinberge angrenzenden Schrebergärten und der Fußweg, der von der Straßenbahnhaltestelle „Obere Ziegelei“ durch die Weinberge hinauf zum Muckensturm führt. Selbst Hubschrauber mit Videokameras an Bord überfliegen das Areal.

Als es nach dieser intensiven Suche noch immer keine Spur des Mädchens gibt, dafür jedoch am Montagmorgen ein Teil ihres Verbundpasses in der Nähe der Straßenbahnhaltestelle „Obere Ziegelei“ gefunden wird, verdichtet sich die Befürchtung, dass es sich um ein Kapitalverbrechen handeln könnte. Am selben Tag fällt einem Schrebergartenbesitzer auf, dass auf dem Nachbargrundstück offensichtlich ein Beet neu angelegt wurde – die Erde ist frisch umgegraben. Die Beamten der Einsatzhundertschaft, die die Gegend bereits mit Spürhunden vergeblich abgesucht hatten, beginnen zu graben – fast einen Meter tief, als aus der Befürchtung Gewissheit wird. Sie treffen auf einen leblosen, unbekleideten Körper, der etliche Stichverletzungen aufweist. Die Suche nach Anja Aichele ist in diesem Augenblick zu Ende. Die Suche nach ihrem Mörder beginnt.

Es ist eine Suche, die bis heute andauert. Auch 30 Jahre, nachdem die junge Stuttgarterin umgebracht wurde, ist ihr Tod ungesühnt. Vom Täter fehlt jede Spur. Immer wieder hat es die Polizei mit ungeklärten Mordfällen zu tun. Doch dieser sei besonders spektakulär gewesen, sagt Polizeisprecher Olef Petersen, der als junger Beamter damals bei der Suche nach Anja Aichele dabei war.

Blutspuren in den Weinbergen

 Die Obduktion ergibt seinerzeit, dass Anja Aichele nicht an den Stichverletzungen gestorben ist, sondern erwürgt wurde. Obwohl sie unbekleidet war, wird eine Vergewaltigung ausgeschlossen. Auf dem Fußweg durch die Weinberge werden Blutspuren gefunden, die Polizei geht davon aus, hier den Tatort gefunden zu haben. Doch viele Fragen bleiben offen. Warum benutzte Anja Aichele an diesem Abend die Abkürzung durch die Weinberge? Warum nahm sie nicht, wie sonst bei Dunkelheit, den Bus ins Wohngebiet Muckensturm?

Bis heute geht die Kripo davon aus, dass das Mädchen an jenem Abend in Begleitung von jemandem war, den sie kannte, den sie für ungefährlich hielt. Josef Kögel, heute 82, der die Ermittlungen damals leitete, wird einem aktuellen Interview mit der Stuttgarter Zeitung wahrscheinlich so deutlich wie nie zuvor. Er gehe davon aus, dass Anja von zwei Jugendlichen ermordet wurde, und ein Erwachsener, wahrscheinlich der Vater eines der beiden, bei der Beseitigung der Leiche geholfen habe. Nur der Beweis fehlt.

Eine Anwohnerin sagt damals aus, dass sie an jenem Abend, an dem Anja Aichele starb, um 21.40 Uhr einen Hilfeschrei gehört hat. Ein weiterer Anwohner, der zur Tatzeit seinen Hund auf dem Muckensturm ausgeführt hat, gibt später zu Protokoll, er hätte die Stimmen zweier Männer und einer Frau im Weinberg gehört, die sich offenbar gestritten haben.

Die Kripo versucht die letzten Stunden im Leben Anja Aichele zu rekonstruieren: Nachdem sie die Jugendgruppe verlassen hatte, geht sie zur Haltestelle „Kurhaus“, um auf ihre Straßenbahn zu warten. Ein Freund, der in der Nähe der Haltestelle wohnt, begleitet sie noch dorthin und geht dann weiter nach Hause. Es wird als sicher angenommen, dass Anja gegen 21.35 Uhr an der Haltestelle „Obere Ziegelei“ ankommt, wo wenige Minuten später der Bus zum Muckensturm abgefahren wäre. Doch was von diesem Zeitpunkt an geschieht, bleibt im Dunkeln.

Einen Tag, nachdem die Leiche gefunden worden ist, wird auf dem Schmidener Feld, einer Freifläche zwischen Schmiden und Bad Cannstatt, ein Fetzen von Anjas Mantel sichergestellt. Später findet man dort auf einer Strecke von mehreren Kilometern verteilt weitere Teile jenes Mantels. Ein Zeuge sagt aus, dass er in der Mordnacht, kurz vor ein Uhr, zwei Männer auf dem Schmidener Feld beobachtet habe. Anjas Mörder?

Über 500 Alibis von jungen Männern aus dem Umfeld und der Nachbarschaft Anja Aicheles werden im Laufe der Ermittlungen überprüft – vergebens. Anfang April 1987 entdeckt ein Spaziergänger beim Ortsausgang Schmiden verschiedene Stofffetzen und benachrichtigt die Kriminalpolizei. Es handelt sich tatsächlich um weitere zerschnitte Teile von Anja Kleidung. Im Juli 1987 stößt ein Spaziergänger in derselben Gegend auf einen abgeschnittenen Lederfetzen von Anjas Schuh. Die Kriminaltechniker finden heraus, dass dieser im Gegensatz zu den vorherigen Funden nicht in der Mordnacht, sondern erst kurz vor dem Auffinden abgelegt wurde.

So kommen Spuren um Spuren zusammen, doch der entscheidende Beweis fehlt. Die Kripo kommt keinen Schritt weiter und entschließt sich im kommenden Jahr, den Fall in der Januarsendung von „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorzustellen. Doch auch dieser bundesweite Fahndungsaufruf bringt keine neuen Erkenntnisse.

Erst 20 Jahre später, im Jahr 2008, ergibt sich endlich ein Lichtstrahl. Bei einer routinemäßigen Untersuchung der Beweisstücke wird ein Hautschüppchen und damit DNA-fähiges Material entdeckt. Daraufhin wird Anfang 2011 sowie Anfang 2012 jeweils eine DNA-Reihenuntersuchung durchgeführt, aber auch dieses Mal hat die Kripo kein Glück. Neue Ansatzpunkte haben sich seitdem nicht ergeben.

„Alle Hinweise und Spuren“, heißt es von der Kripo auf Nachfrage, „wurden von der Ermittlungsgruppe Anja beim Dezernat 11 abgearbeitet, und dann wurde im Jahr 2016 bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Abschlussbericht vorgelegt.“ Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren daraufhin ein – aber nur vorläufig, denn Mord verjährt nicht.

Ungelöste Stuttgarter Mordfälle

22. Mai 1962. Der homosexuelle Balletttänzer Hans Storck (65) wird von einem Stricher in seiner Wohnung in der Hegelstraße erstickt.

22. November 1975. Karin Alber (32) wird in ihrer Wohnung auf dem Killesberg vergewaltigt, mit einem Hammer geschlagen. Danach sticht der Täter mit einem Tranchiermesser zu und schleift sie ins Badezimmer. Dort vergewaltigt er sie erneut. Anschließend erträngt er Alber in der Badewanne.

18. Dezember 1980. Die 74 Jahre alte Rentnerin Maria Luise Westhauser wird vor ihrer Haustür am Rotenberg erschlagen.

28. Mai 1981. Die 20-jährige Sabine Binder fährt gegen 1.30 Uhr mit ihrem Fahrrad von Möhringen nach Plieningen. Auf der Filderhauptstraße wird sie überfallen und mit mehreren Messerstichen getötet.

18. Oktober 1982. Der Postbeamte Jochen Schad (46) wird am Parkplatz beim „Wildparkdreieck“ mit drei Schüssen in den Rücken aus einer Pistole getötet.

6. März 1983. Die 16-jährige Sibylle Grotjahn steigt gegen 22.30 Uhr an der  Haltestelle „Rathaus Münster“ aus der Straßenbahn. Ein paar Meter weiter, in der Jagstraße, wird sie von einem Mann angehalten und mit vier Messerstichen niedergestochen.

17. Juli  1985. Die neunjährige Sabine Hammerich will für ihren Vater Zigaretten holen. Der Zigarettenautomat befindet sich nur 50 Meter von der Wohnung der Hammerichs im Stuttgarter Westen entfernt. Am 29. Dezember 1986 wird eine skelettierte, unbekleidete Leiche in einem Waldgebiet nahe Bamberg gefunden. Die Identifizierung zieht sich. Erst im Juli 1988 ist man sich sicher, dass es sich um Sabine Hammerich handelt. Wie und wann das Mädchen ermordet wurde, kann nicht mehr festgestellt werden. ker