Stuttgart-Möhringen / Melissa Seitz Judith Caspari und Milan van Waardenbrug stehen für „Anastasia“ auf der Bühne. Vor jedem Auftritt gibt es einen strengen Zeitplan. Ein Countdown.

Diesen Teil des Palladium-Theaters in Möhringen kennen nur wenige. Hinter einer Scheibe sitzt eine Sekretärin und lächelt. Sie hat ein Auge darauf, wer das Gebäude betritt und verlässt – und wer sich in die obligatorische Anwesenheitsliste einträgt. Judith Caspari und Milan van Waardenburg haben schon unterschrieben – das sind die zwei wichtigsten Namen an diesem Abend. Ab jetzt läuft der Countdown: In zwei Stunden startet die Aufführung „Anastasia“.

 

Noch zwei Stunden

„Judith kommt eigentlich immer zu spät“, sagt der 25-jährige Milan van Waardenburg, der im Musical „Anastasia“ die Rolle des Dimitri spielt. Dieses Mal hat sie es rechtzeitig geschafft. „Mein Tag war heute eher ruhig. Ich habe Kekse gebacken und ein paar Erledigungen gemacht“, sagt die 24-Jährige, die die Rolle der Zarentochter übernimmt. Bei Milan van Waardenburg sieht das ein wenig anders aus. Er reibt sich die Augen, wirkt ein wenig müde. Kein Wunder: „Ich war für drei Tage in London und bin heute morgen erst gelandet“, sagt er.

 

Noch eineinhalb Stunden

Zeit zum Ausruhen ist nicht. Genug gequatscht, die Uhr tickt, noch etwa 90 Minuten bis zur Show. Raus aus den Alltagsklamotten und rein in die Sporthose. Auch wenn die Show nach mehr als hundert Auftritten perfekt sitzt, werden immer wieder kleine Einlagen geprobt – zum Beispiel wenn sich das Tänzerensemble verändert. In der großen Sporthalle sind Zahlen und Markierungen auf den Boden geklebt. Der Raum soll der Bühne, so gut es geht, ähneln. 

Die Tänzer und Darsteller bereiten sich auf die Show vor: Sit-ups, dehnen und Schritte proben. Sie sprechen Englisch miteinander, schließlich ist das Team international. Viele kommen aus den Niederlanden. Während der Rest des Ensembles seine Stimme in Form bringt und mit dem Vocalcoach ein paar Lieder anstimmt, verlassen die beiden Hauptdarsteller kurz den Raum. „Wir singen uns immer alleine warm“, sagt Judith Caspari.

 

Noch eine Stunde

Es geht drei Etagen nach unten und durch eine schwere Metalltür. Die Garderoben von Judith Caspari und Milan van Waardenburg liegen direkt nebeneinander: Zwischendrin, an einer brauen Halterung, hängen die Mikros der Darsteller. Nach und nach werden es weniger. Zum Glück, denn das bedeutet: Alle sind da.

 

Am 21. März feiert „Aladdin“ Premiere. Neben bunten Kostümen erwartet das Publikum eine Stuttgarter Version des Musicals.

Noch 45 Minuten

„Komm rein“, sagt die 24-jährige und öffnet die Tür zu ihrer Garderobe. Unter ihrem weißen Bademantel trägt sie schon einen Teil ihres Anastasia-Kostüms. Die Stiefel muss sie noch richtig festschnüren. „Einfacher wäre es, sie hätten einen Reißverschluss. Durch das Stiefelbinden hatte ich schon mal Blasen an den Fingern“, erzählt sie. In ihrer Garderobe riecht es nach Blumen, mit Lichterkette und Dekoartikeln hat sie den Raum wohnlich gestaltet.

Auf dem kleinen Sofa liegt eine Dose mit den frisch gebackenen Keksen. „Bediene dich“, sagt Judith Caspari. An der Wand hängen Fan-Briefe, Skizzen und zwei eingerahmte Bilder: „Das ist meine Oma und das andere meine Ur-Ur-Oma, die aus Ostpreußen kam. Ich habe also Ost-Blut in mir“, sagt sie. Wie in ihrer Rolle als russische Zarentochter.

 

Noch 35 Minuten

Judith Caspari kramt aus ihrer Tasche einen großen Kulturbeutel heraus. Ein bisschen Lidschatten, ein bisschen Puder und Mascara kommen ins Gesicht. Dann holt sie einen Lippenstift aus dem Beutel und schreibt auf ihren Spiegel die Zahl 112. „So viele Shows habe ich bisher gespielt“, verrät die 24-Jährige.

Während sie sich die Zähne putzt, schaltet sie den Wasserkocher ein. „Vor jeder Show gibt’s einen Tee. Das ist Milans und mein Ritual.“ Sie greift zu einer der drei Packungen auf ihrem Beistelltisch. „Milan mag den Frauen-Tee am liebsten“, sagt sie und lacht. Sie gießt das heiße Wasser in die Tasse und dann geht’s in die Maske.

 

In ihren Rollen und fertig zum Auftritt: Judith Caspari und Milan van Waardenburg
© Foto: Bildnachweis: Stage / Jan Potente

Noch 30 Minuten

Die Gänge leeren sich, auch in der Maske ist es ruhig. Schnell werden Judiths Haare zu kleinen Schnecken gedreht, das Mikro wird über den Kopf auf die Stirn geklebt, ein hautfarbener Strumpf darüber und dann die Perücke darauf. Während die Maskenbildner mit kleinen Nadeln alles feststecken, überdeckt die Anastasia-Darstellerin mit Schminke das Tattoo an ihrem Handgelenk. 

Noch 25 Minuten

Im sogenannten Lichthof,  wo sich die Darsteller oft treffen, hört man Gitarrenklänge. Ein Ensemblemitglied stimmt ein paar Lieder an. Die 24-Jährige trällert mit, erinnert sich dann an ihren Tee und huscht in ihre Gaderobe. Als sie herauskommt, steht Milan van Waardenburg schon da – in voller Dimitri-Montur. Seinen Tee hat er wahrscheinlich schon getrunken.

 

Noch 5 Minuten

Schnell noch ein Erinnerungsbild machen. Dann ertönen aus den Lautsprechern, die im ganzen Gebäude verteilt sind, die ersten Töne des Musicals. Die Show startet. Judith Caspari und Milan van Waardenberg haben jetzt noch fünf Minuten Zeit. „In der ersten Szene kommen wir nicht vor.“, sagt sie. „Aber wir gehen jetzt los. Bis bald.“ Und dann verschwinden die beiden. In der Kabine der 24-Jährigen steht die Tür offen. Auf ihrem Fernseher wird das Musical live gezeigt. Gleich sind auch die beiden auf dem Bildschirm zu sehen.

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Die Suche nach einem neuen Dimitri hat begonnen

Ab September wird Milan van Waardenburg nicht mehr Teil der Stuttgarter Cast sein. Nach dreieinhalb Jahren auf deutschen Bühnen geht es für ihn zurück in sein Heimatland Holland. Hier wird er ebenfalls als Dimitri im Musical „Anastasia“ spielen. Ein bisschen Bammel hat er schon davor: „Ich habe noch nie in meiner Muttersprache gesungen“, sagt der 25-Jährige.

Stage Entertainment sucht bereits eine Neubesetzung. Die Proben mit dem neuen Dimitri sollen Anfang Juli beginnen. Judith Caspari vertraut bei der Wahl ihres neuen Co-Darstellers auf ihr Team: „Sie wissen, wer gut zu mir passt.“ Für die Premiere von „Anastasia“ in den Niederlanden hat sich die 24-Jährige bereits frei genommen, um Milan van Waardenburg vom Publikum aus zu unterstützen. sei