Stuttgart Heimat auf der Solitude

Ein Büble mit gekrümmtem Rücken thront auf dem Erbsenbrunen in Bad Cannstatt. Für die Figur stand der kleine Richard von Weizsäcker seinem Onkel Modell. Gefallen hatte ihm das Stillhalten nicht.
Ein Büble mit gekrümmtem Rücken thront auf dem Erbsenbrunen in Bad Cannstatt. Für die Figur stand der kleine Richard von Weizsäcker seinem Onkel Modell. Gefallen hatte ihm das Stillhalten nicht. © Foto: Ferdinando Iannone
RAIMUND WEIBLE 09.02.2015
In Berlin findet er seine letzte Ruhestätte. Doch mit Stuttgart verbindet Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker viel: Seine Familie stammt aus der Stadt, er selbst kam im Neuen Schloss auf die Welt.

Wo war bloß die Kammer, in der Richard von Weizsäcker zur Welt kam? In einer Mansardenwohnung des Neuen Schlosses sei das geschehen, ist überliefert. Darin wohnte auch nach dem Ende der Monarchie noch die Familie von Friedrich von Graevenitz, der Generaladjutant des württembergischen Königs Wilhelm II. war. Aus dieser Familie stammt von Weizsäckers Mutter Marianne.

Als Marianne mit ihrem vierten Kind in die Wehen kam, begab sie sich in die Obhut ihrer Mutter. So gebar sie Richard in nobler Umgebung. Ob es die Kammer noch gibt, ist fraglich. Im Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs wurde das Neue Schloss schwer beschädigt. Deshalb existiert die Wohnung im Original nicht mehr.

Die Geburt im Neuen Schloss ist nur einer der vielen Bezüge zwischen dem Alt-Bundespräsidenten und Stuttgart. Wahrscheinlich steht, außer Berlin, keine Stadt von Weizsäcker so nahe wie Stuttgart. Vor allem, weil sie die Stadt seiner Vorfahren ist. Sein Großvater Karl Hugo von Weizsäcker war unter König Wilhelm II. Ministerpräsident von Württemberg, und das "von" im Namen hatte Wilhelm seinem Kabinettschef verliehen. Richards Onkel Fritz von Graevenitz war Künstler und Rektor der Kunstakademie auf der Solitude, wo er in einem Kavalierhäuschen wohnte.

In den Ferien kam Richard auf die Solitude. In einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" 2008 bekannte von Weizsäcker: "Die Solitude war Heimat für mich. Als junger Mensch bin ich viel durch die Welt gereist und hatte trotzdem Freude daran, irgendwo das Gefühl zu haben, zu Hause zu sein."In einem Brief an den Schriftsteller Gerhard Raff formulierte von Weizsäcker: "Ich fühle mich meiner schwäbischen Heimat tief verbunden, aber doch wie einer, der seit dem Ende seines ersten Lebensjahres im Exil lebt." Sein Vater war Diplomat und wechselte mit seiner Familie häufig den Wohnort: Basel, Kopenhagen, Oslo, Bern und Berlin waren die Stationen. Von Weizsäcker lernte daher, wie er selbst bekannte, nie richtig Schwäbisch.

Fritz von Graevenitz nahm das Büble seiner Schwester als Modell für die Figur des Erbsenbrunnens in Bad Cannstatt. So steht nun der kleine Richard, fast wie das Manneken Pis, nackt auf der Kugel über den Wasserspeiern. Das Stillstehen, erinnerte sich von Weizsäcker, habe ihm gar nicht behagt.

Und noch einmal stand Richard Modell für den Onkel: Für eine Jünglingsfigur, die Fritz von Graevenitz für das Denkmal an die Gefallenen des Ersten Weltkrieg am Schloss Hohenheim schuf. So erinnern gleich zwei Skulpturen in Stuttgart an den Alt-Bundespräsidenten.

Von Weizsäcker kam auch später gern nach Stuttgart: Schon allein deswegen, ums Grab seiner Eltern auf der Solitude zu besuchen. Das konnte er damit verbinden, Ehrungen abzuholen: 1990 wurde er Ehrenbürger der Stadt und 1995 Ehrenbürger der Universität Stuttgart.

Am Neuen Schloss erinnert eine Tafel an den Staatsmann, der dort das Licht der Welt erblickte. Sie wurde im Jahr 2000 angebracht, als von Weizsäcker 80 wurde. Für die Tafel hatte sich Raff eingesetzt. Und noch heute ärgert Raff, dass sie nicht an der Frontseite, sondern "an einem minderen Platz seitlich neben einem Kellereingang" angebracht wurde. Eine bessere Position habe damals das Finanzministerium verhindert mit Hinweis auf den Denkmalschutz, sagt Raff.

Am Mittwoch verabschiedet sich Deutschland im Berliner Dom während eines Staatsakts von Richard von Weizsäcker. Beigesetzt wird er ebenfalls in Berlin. Das bedauert Raff. Lieber wäre ihm gewesen, von Weizsäcker wäre wie seine Eltern in Stuttgart begraben worden.

CDU will Straße nach dem Ehrenbürger nennen

Initiative Die CDU-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat will, dass in Stuttgart eine Straße nach dem verstorbenen Alt-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker benannt wird. Von Weizsäcker war seit 1990 auch Ehrenbürger der Stadt. Die Fraktion schlug vor, die Planie entlang des Neuen Schlosses umzubenennen. Das biete sich an, weil von Weizsäcker am 15. April 1930 im Neuen Schloss geboren wurde.

Planie Der Schriftsteller Gerhard Raff, der sich schon für die Ehrenbürgerschaft von Weizsäckers und für das Anbringen einer Ehrentafel eingesetzt hatte, begrüßte die Initiative. Den Vorschlag mit der Planie lehnt er jedoch ab. Die Straße sei dafür zu klein, sagte Raff.Man müsse sich "etwas Gscheits" aussuchen.