Kulturwochen Gotteshaus oder doch Kino?

Binah Rosenkranz von der Israelitischen Gemeinschaft führte durch die Synagoge.
Binah Rosenkranz von der Israelitischen Gemeinschaft führte durch die Synagoge. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Tilman Baur 08.11.2018

3000 Mitglieder zählt die jüdische Gemeinde in Stuttgart mittlerweile wieder. Dass es sie nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt geben würde, daran bestanden nach dem Holocaust ernsthafte Zweifel. Gerade noch zehn Juden waren es, die sich in den Fünfzigerjahren für den Bau einer neuen Synagoge stark machten. Die alte aus dem Jahr 1859 war in der Reichspogromnacht vor 80 Jahren auf die Grundmauern niedergebrannt. Als erste behelfsmäßige Synagoge nach dem Krieg diente den Stuttgarter Juden eine kleine Privatwohnung im Westen der Stadt. 1952 entstand schließlich die heutige von Ernst Guggenheim entworfene Synagoge und das Gemeindezentrum in der Hospitalstraße.

„Die Stadt wollte das am Anfang nicht“, sagte Binah Rosenkranz, Mitglied im Vorstand der Israelitischen Gemeinschaft Württembergs, bei einer Synagogenführung im Rahmen der Jüdischen Kulturwochen. Man befürchtete, die Gemeinde würde zu klein und das Gotteshaus ungenutzt bleiben. Deshalb integrierte man sie in ein Mehrzweckgebäude – aus dem hätte man ein Kino machen können.

Zum Glück kam alles anders. „Im Laufe der Jahrzehnte sind viele Juden aus aller Welt hierhergezogen, Stuttgart ist eine Multi-Kulti-Gemeinde“, so Binah Rosenkranz. Vor allem der Zuzug von Kontingentflüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion führte vor 20 Jahren zu einem rasanten Mitgliederanstieg.

Zwei Gesetzestafeln sind alles, was von der alten Synagoge übriggeblieben ist. Ein augenfälliger Unterschied zu christlichen Kirchen ist die sogenannte Bima, von der aus der Rabbiner oder der Kantor die Gebete aus der Tora vorliest. Die Tora-Rollen sind in einem Schrein am Kopfende der Synagoge aufbewahrt.

Der moderne Bau ist reich mit dekorativen Elementen geschmückt, so etwa mit fünfarmigen Kerzenhaltern oder Tiersymbolen für die zwölf Stämme Israels. Die jüdische Gemeinde ist in Stuttgart etabliert, kämpft jedoch wie christlichen Kirchen um aktive Mitglieder.

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