Stuttgart / CLAUDIA SALDEN Ein Kuriosum der Natur mitten in der Stadt: In Bad Cannstatt sind seit 30 Jahren freilebende Papageien zu Hause. Im Winter kann man die grünen Vögel mit gelbem Kopf besonders gut sehen und hören.

Morgens und abends laufen die Gelbkopfamazonen zur Hochform auf: Ihre spitzen Schreie, die Ortsfremde oft für Kindergekreische halten, sind in der Cannstatter Dämmerung nicht zu überhören. "Damit verständigen sich die Papageien, gemeinsam zum Futter- oder Schlafplatz aufzubrechen", sagt Günther Schleussner, Vogelkurator der Stuttgarter Wilhelma. Zwischen Rosensteinpark, Unterem Schlossgarten, Cannstatter Kurpark und Neckarufer sorgen rund 50 Amazonen für Farbtupfer in kahlen Bäumen.

"Die große Artenvielfalt in unseren Parks macht das Überleben der Papageien möglich. Über 60 Pflanzenarten dienen ihnen das ganze Jahr über als Nahrung", sagt die Ornithologin Johanne Martens, die seit mehreren Jahren zu den Amazonen forscht. Samen, Früchte, Rinde und Knospen stehen auf dem Speiseplan der Papageien, die sogar Beeren und Zweige der giftigen Eibe vertragen. Nach einem mehrstündigen Mahl hinterlassen sie mitunter ein Schlachtfeld: Beim Fressen knicken sie mit ihren Krallen ganze Zweige weg, beißen die Triebspitzen ab und lassen den Rest fallen.

Gelbkopfamazonen stammen aus Mexiko, also aus subtropischen Gefilden. Auch dort kann es im Winter kalt werden. "Niederschläge machen ihnen mehr zu schaffen als Kälte", sagt Schleussner. Nur bei vielen Minusgraden erleiden einzelne Stuttgarter Papageien Frostschäden wie abgefrorene Zehenglieder.

Beliebte Schlafplätze der paarweise lebenden Vögel sind Platanen, in deren Baumhöhlen sie ihren Nachwuchs großziehen. Im Winter suchen die Amazonen die Nähe wärmender Gebäude und lassen sich in windgeschützten Häuserschluchten nieder. Die 2013 geplante Fällung von Platanen in der Daimlerstraße musste die Stadt Stuttgart deshalb absagen.

Wie die Papageien nach Bad Cannstatt kamen, ist nicht sicher. Das erste Exemplar - möglicherweise ein entflohenes Haustier - wurde 1984 gesichtet. Irgendjemand muss dem einsamen Vogel einen Artgenossen spendiert haben, 1986 gab es den ersten Nachwuchs. In den vergangenen Jahren zählte Johanne Martens jeweils um die 50 Tiere.

Da die Gelbkopfamazonen seit mehr als 25 Jahren in Stuttgart leben, gelten sie als einheimische Vogelart. Die meisten Anwohner haben die Papageien trotz der kräftigen Kotspritzer, die sie auf Gehwegen und Autos hinterlassen, ins Herz geschlossen, denn sie bringen ein exotisches Flair in die Großstadt.