Zoo Garnelen für die Seepferdchen

Futtermeisterin Christinae Winckler besorgt täglich frisches Gemüse.
Futtermeisterin Christinae Winckler besorgt täglich frisches Gemüse. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / Barbara Wollny 30.08.2018

Kühl und ruhig ist es hinter der dicken Stahltür der Wilhelma-Futterkammer. Eine ganze Reihe von Türen zweigt von einem geräumigen Gang ab. Teilweise tragen sie Aufschriften wie „Hackfruchtbunker“, „Fleischküche“ oder „Siloraum“.

Wer befürchtet, dass es jetzt gleich streng wie im Raubtierhaus stinkt – vielleicht nach Fleisch, Blut oder angefaulten Gemüseresten –,  wird angenehm enttäuscht. Nur ein leichter Geruch nach Obst und Kartoffeln liegt in der Luft. Sie liegen in großen Horden auf dem Gang und warten darauf, fein säuberlich gewaschen und gekocht zu werden – täglich 30 Kilo. Im Hackfruchtbunker lagert Obst und Gemüse ordentlich in Kisten auf großen Regalen. Es könnte sich auch um den Kühlraum eines Hotels oder einer großen Restaurantküche handeln.

Blumenkohlköpfe, sackweise Karotten, Chinakohl, rote Rettiche, Paprika, Lauch, Sellerieknollen, Fenchel, Petersilie – die Gemüsevielfalt ist enorm. Dazu kommen Bananen und Äpfel, die eigens von einem Apfelbauern aus Munz angeliefert werden. Außerdem werden hier etliche Paletten mit Hühnereiern gelagert – „fast alle Tiere mögen Eier, roh oder gekocht“, so Winckler .

Schlangen mögen Forellen

„Wir verfüttern keine Reste, sondern kaufen einmal wöchentlich frisch auf dem Stuttgarter Großmarkt ein“, stellt Christina Winckler gleich mal richtig. „Wer glaubt, dass für Tiere Futter zweiter Klasse reichen würde, liegt falsch. Und außerdem  – für Tiere muss es genauso sauber sein wie für Menschen“ und zeigt auf die blitzblank geputzten Arbeitsflächen, Regale und Böden.

Winckler arbeitet seit 1989 in der Wilhelma. Die gelernte Tierpflegerin war zunächst bei Elefanten, Affen, Vögeln und Flusspferden tätig. Dann wechselte sie 1997 in die Futterküche. Seit letztem Jahr ist sie die Chefeinkäuferin, die auch das Haushaltsgeld verwaltet. Das Jahresbudget von 430 000 Euro muss sie so verteilen, dass auch am Jahresende die Näpfe nicht leer bleiben. Und da der Einkaufszettel für die Zooküche extrem viele Positionen hat, ist sorgfältige Planung Pflicht .

Viele Tiere sind Fischliebhaber. Nicht nur Robben und Pinguine, auch Vögel und Reptilien warten täglich auf ihre Meereshappen. Im geräumigen Fischabteil lagern bei minus 20 Grad Vorräte für vier bis sechs Wochen, die direkt aus Bremerhaven angeliefert werden. Lachs oder Heilbutt sucht man hier vergeblich, dafür gibt es Schwarzmundgrundeln, 10 Zentimeter kleine Fische, die als „blinde Passagiere“ aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer in die Nord- und Ostsee kamen und hier heimische Fische bedrohen. In Kisten lagern tiefgefrorene kleine Stintefische, Sprotten und Rotaugen.

Teuerstes Fressen überhaupt im Zoo sind lebende Garnelen. „Für die geben wir um die 1000 Euro im Monat aus.  Aber Fetzenfische oder Seepferdchen könnten wir nicht anders füttern“, erklärt Winckler. Und für den Neuzugang Schlangen aus Privatbesitz muss sie jetzt auch noch Forellen einplanen. „Die fressen nämlich nichts anderes.“

Umsonst, aber arbeitsaufwendig sind die 2000 Sack voller Laub, die ebenfalls im Gefrierraum lagern – Vorrat für die blattlosen Wintermonate. „Wir gehen im Sommer mit dem Förster in den Wald und der zeigt uns, wo Äste von Eichen, Linden und Ahorn herausgeschnitten werden können“, erzählt Winckler. Mitarbeiter trennen im Betriebshof die Blätter von Hand ab, füllen sie in Säcke und frieren sie ein. Das ist überlebenswichtiges Winterfutter für die Haubenlanguren, indonesische Schlankaffen, die sich ausschließlich von frischen Blättern ernähren.  Die bedrohte Primatenart wird erfolgreich seit 34 Jahren in der Wilhelma gehalten.

Im großen Siloraum lagern Säcke mit Reis, Haferflocken, Hafer, Bananenbrei, Sonnenblumenkernen und vor allem Pellets. 29 verschiedenen Pelletarten wie  Känguru- oder Flamingo-Pellets  gibt es hier, jeweils speziell für die jeweilige Tierart gemischt.

Nicht alle Tiere jedoch sind Vegetarier. Bären, Schlangen, Raubtiere, Greifvögel und etliche andere Arten mehr pfeifen auf fleischfreie Mahlzeiten. Ein ganzes Pferd pro Woche wird in der Wilhelma verspeist. Pferdefleisch ist fettarm und daher optimal für Zootiere, die sich weniger bewegen als ihre Artgenossen in den ursprünglichen Lebensräumen.

Neben Pferd werden auch Eintagesküken, Hasen, Mäuse und Ratten, Wanderheuschrecken und Mehlwürmer gefüttert. Bis auf die Küken zieht der Zoo die Tiere selbst. Lebend verfüttert wird aus Tierschutzgründen schon lange nichts mehr. Die Zootier sind es auch nicht mehr gewohnt, selbst Beute zu machen, erklärt Winckler.

Morgens ab sechs Uhr verteilen sie und ihre Kollegen das Futter an 17 Stationen. Alle Futterarten und Rationen werden zusammen mit den Zootierärzten festgelegt. Wenn die Tierpfleger Extras für ihre Schützlinge wollen, können sie das bei Winckler anmelden. Sie entscheidet dann, ob die Extrawünsche im Budget drin sind.

Knäckebrot für die Tapire, Popcorn und Schoko-Drinkpulver für die Affen – es wird als Brei in die Stocherbüchsen eingefüllt – oder Walnüsse für die Papageien finanziert sie aber irgendwie immer mit. Auch Tiere lieben Abwechslung. Und keiner kennt die unterschiedlichen Vorlieben so gut wie die Futtermeister in der Wilhelma.

„Unser Job ist extrem vielseitig. Dennoch reißt sich keiner darum, hier zu arbeiten, weil wir nicht direkt mit lebenden Tieren arbeiten“, sagt Winckler. „Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es mehr Anerkennung durch die Kollegen.“

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Millionen Euro gibt die Wilhelma jährlich aus, um den Hunger ihrer Tiere zu stillen. Mit dem Geld kauft der Zoo unter anderem 130 000 Kilo Frisch-
gemüse sowie 60 000 Kilo Obst.

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