Frühes Zeugnis atonaler Musik

Der katholische Regionalkantor Tobias Wittmann spielt mit anderen Organisten „Vexations“.
Der katholische Regionalkantor Tobias Wittmann spielt mit anderen Organisten „Vexations“. © Foto: Stadtdekanat
RAIMUND WEIBLE 16.09.2016
Orgelspiel bis zum Abwinken: Regionalkantor Tobias Wittmann wagt sich mit zwei Kollegen an das 24-Stunden-Stück „Vexations“ von Erik Satie.  

Was ist Erik Satie für ein Komponist, dessen Werk „Vexations“ Sie Freitag/Samstag in St. Fidelis aufführen?  TOBIAS WITTMANN: Ein Avantgardist, ein Satiriker, ein skurriler Eigenbrödler –  man kann vieles über ihn sagen. Er selbst meinte selbstironisch, er sei eigentlich kein Musiker. Immerhin hat er um die Wende zum 20. Jahrhundert der neuen Musik wichtige Impulse gegeben. Mit den „Vexations“ hat er ja auch ein unverwechselbares Werk geschaffen.

Was ist das Ungewöhnliche an „Vexations“ ?

WITTMANN: Das Ungewöhnliche ist zunächst einmal diese Idee: eine Melodie mit zwei Variationen 840mal zu wiederholen. Dann ist das Stück, das ja schon am Ende des 19. Jahrhunderts von Satie geschrieben wurde, auch ein frühes Zeugnis atonaler Musik. Außerdem schafft er mit der Wiederholung eines schlichten musikalischen Materials einen Vorläufer der Minimal Music.

Wie haben Sie sich auf das 24-Stunden-Konzert vorbereitet?

WITTMANN: Die Vorbereitung ist hierbei ganz anders als beim Spiel von „klassischen“ Werken. Man muss die „Vexations“ rein spieltechnisch ja nicht lang üben. Dafür muss man sich zuerst aber intensiv mit der Idee des Stücks beschäftigen und sich fragen: Wieso will ich das aufführen? Was interessiert mich daran? Mich selbst interessiert vor allem die Frage der Zeitempfindung. Wie nehme ich die Zeit wahr, während ich diese scheinbar endlosen Wiederholungen spiele? Und wie nehmen die Zuhörer das wahr? Das Thema Zeit ist ja der Leitgedanke unserer Reihe KlangRaum, in der die Aufführung der „Vexations“ stattfindet. Dann muss man aber doch auch etwas üben, nämlich ein angemessenes Spieltempo für das Stück zu finden und das auch durchzuhalten. Das ist sogar relativ entscheidend. Wenn man nämlich nur etwas langsamer oder schneller spielt, verändert sich die Gesamtaufführungsdauer gleich mal um zwei oder mehr Stunden.

Spielen Sie und Ihre Musikerkollegen das Stück auswendig?

WITTMANN: Das Stück ist zwar nicht lang, aber weil beinahe vor jeder Note ein Vorzeichen steht, ist es relativ schwierig, sich das zu merken. Daher werden wir wohl aus Noten spielen. Ich habe von Spielern gelesen, die das Stück nach über 20 Stunden noch immer nicht auswendig konnten. Ich bin gespannt, wie das für uns sein wird.

Worin bestehen die Schwierigkeiten  von „Vexations“?

WITTMANN: Das werden wir vermutlich erst nach der Aufführung wirklich wissen. Ich glaube aber, dass eine Hauptschwierigkeit darin besteht, die Konzentration über den gesamten Zeitraum aufrecht zu halten und zudem das Tempo relativ konstant zu halten. Das Stück ist zwar spieltechnisch nicht schwierig, es läuft aber nicht einfach von selbst aus den Fingern. Man muss schon sehr konzentriert sein. Und das auch in der Nacht und nach 20 Stunden!

Und nach dem Marathon-Konzert: Läuft der Sonntag nach all der Anstrengung bei Ihnen wie üblich ab? Sitzen Sie dann wieder im Gottesdienst an der Kirchenorgel?

WITTMANN: Mal schauen, das Schlafbedürfnis wird sicherlich groß sein. Aber wer weiß, ob es dann nicht einen Ohrwurm gibt, der mich nicht schlafen lässt... In dem Fall bleibe ich einfach an der Orgel sitzen und spiele weiter.

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