Unterhaltung Früher Krankenfahrstuhl, heute rollende Disco

Marcus Vetter bringt die Stuttgarter mit seiner „3raddisko“ zum Tanzen.
Marcus Vetter bringt die Stuttgarter mit seiner „3raddisko“ zum Tanzen. © Foto: Caroline Holowiecki
Stuttgart / Caroline Holowiecki 08.08.2018

Viele schauen, manche schießen Bilder. Aber alle haben eines gemeinsam: Sie lächeln. Damit hat Marcus Vetter sein erklärtes Ziel schon erreicht. „Ob du sechs oder 80 bist, du findest Seifenblasen geil. Und du lächelst, du hast keine Chance“, sagt er und zeigt unter seiner Pilotenbrille selbst ein breites Grinsen. Auf dem Marienplatz im Stuttgarter Süden lässt Marcus Vetter nicht nur Seifenblasen steigen. Er lässt es blinken und leuchten, er spielt Musik, während Blumen und Fahnen im Wind tanzen. Der 47-jährige Stuttgarter hat das skurrilste Partymobil weit und breit.

Angefahren kommt er mit einem orangefarbenen Krause Duo 4/1 – einem Krankenfahrstuhl aus DDR-Zeiten. Das Dreirad hat der Toningenieur im Internet „für ‚n Appel und ‚n Ei“ gekauft und umgerüstet. In der 3,6-PS-Maschine mit der Miss Piggy auf der Motorhaube sitzt ein 300-Watt-Surround-Soundsystem. Vom Laptop spielt er Musik, am liebsten Tech-House. Und das wird stilecht inszeniert. „Das ist ein kompletter Club, der mobil ist. Ich habe Laser, Lichter, Nebel und Seifenblasen.“ Fertig ist die „3raddisko“, bis zu zehn Stunden ohne externe Stromversorgung

Dabei hatte er sich vor Jahren das Ost-Mobil, Baujahr 1989, schlicht als fahrbaren Untersatz gekauft. Marcus Vetter verbindet Kindheitserinnerungen mit dem Duo, „mein Opa in Leipzig hatte so einen“. Als Erwachsener stieß er auf Ebay zufällig auf sein jetziges Gefährt. An den Verkaufstext erinnert er sich genau: „Dornröschen sucht Prinz zum Wachküssen.“ Sein Dreirad nennt er deswegen liebevoll Rösle.

Zur „3raddisko“ blühte das Gefährt zufällig auf. Eher privat stellte er sich eines Abends mit Musik an die Kult-Kneipe Palast der Republik. „Als der Akku leer war, lag überall Kleingeld im Wagen. Da dachte ich mir: Das wollen die Leute.“ Seit 2012 tritt er professionell als Musikact in Erscheinung, den man buchen kann. Bei der Fluxus-Abschlussparty ließ Marcus Vetter jüngst ebenso die Discokugel kreisen wie beim Elektro-Festival „Nature One“ oder beim Indischen Filmfestival.

Der Stuttgarter bezeichnet sich selbst als „kreative Guerillazelle“, arbeitet als DJ, Komponist, Filmtonmeister und Produzent. Ein Drittel seines Jahresumsatzes fahre er mittlerweile mit der Fete auf drei Rädern ein. Er sagt: „Ich habe komischerweise einen Nerv getroffen in Porsche-City und Benz-Town.“ Und ein neues Projekt hat er auch schon vor Augen: das „3radkino“ mit mobilem Beamer.

Marcus Vetter betont: Allein ums Geld gehe es ihm nicht. „Ich will Brücken bauen, und das ist meine Geheimwaffe.“ Er sieht sich als Repräsentant für kulturellen Austausch. Und zumindest ein Ziel habe er erreicht: „Die Stuttgarter tanzen auf der Straße. Das ist wow!“, stellt der mobile DJ fest.

Info www.3raddisko.com

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