Deutschland Tour Freie Bahn für Radfahrer

Von Tilman Baur 27.08.2018

Tausende Menschen säumten am Sonntagnachmittag die Theodor-Heuss-Straße, um den besten Radsportlern der Welt bei der Zieleinfahrt zuzujubeln. Auf der Bundesstraße dröhnen normalerweise Automotoren, am Sonntag hatte das Fahrrad Vorrang. Es war kurz vor 17 Uhr, als die Spitzengruppe in einem Herzschlagfinale Richtung Ziel raste. Der 24-jährige Kölner Nils Politt übertrumpfte die Konkurrenz und gewann die letzte Etappe. Den Gesamtsieg verpasste er um nur sechs Sekunden: Dieser ging an den Slowenen Matej Mohoric, der seine in der dritten Etappe eroberte Spitzenposition verteidigen konnte. Auf Rang drei landete der Berliner Maximilian Schachmann.

Zuvor hatten die Fahrer 207 Kilometer zurückgelegt, die Etappe führte die Profis vom südhessischen Lorsch nach Stuttgart. Dort hatte es der letzte Abschnitt in sich: Der 7,1 Kilometer lange Herdweg  hat eine Steigung von bis zu 16 Prozent.

Die Stadt stand still

Die Autostadt Stuttgart stand bereits am Sonntagvormittag still. In der weiträumig abgesperrten Innenstadt sah man fast keine Privatautos, nur hier und da fuhr ein Polizeiwagen vorbei. Tausende Hobby-Radfahrer nutzten die Gunst der Stunde. Aus allen Himmelsrichtungen rollten sie am Vormittag durch die abgesperrten Straßen der Innenstadt. Auf einem 1,7 Kilometer langen Abschnitt demonstrierten sie, wie Stuttgart autofrei aussieht.

Viele von ihnen – 3500, um genau zu sein – hatten ein Ziel: den Schlossplatz. Dort starteten um 10.30 Uhr die beiden Jedermann-Touren, das Highlight der Deutschland Tour für Hobbyradler. Bereits um 10 Uhr hatte sich im Ehrenhof des Neuen Schlosses ein kaum überschaubares Meer an Helmen, Trikots und Rennrädern versammelt. Sie hatten Glück: Bei strahlendem Sonnenschein und spätsommerlichen Temperaturen um die 20 Grad herrschten ideale Wettkampfbedingungen. „Wie ihr alle wisst, gibt es sehr viele Baustellen in Stuttgart. Fahrt vorsichtig, ihr seid für euch selbst verantwortlich“, gab ein Sprecher den Teilnehmern mit auf den Weg.

Vom Schlossplatz setzten sich die Radler auf der Planie Richtung Bad Cannstatt in Bewegung: zunächst die Teilnehmer der kleinen Weinbergrunde, die 57,5 Kilometer und 686 Höhenmeter umfasste, im Anschluss die Radler auf der großen Runde durch die Region mit 117,5 Kilometern 1339 Höhenmetern.

Der Streckenteufel Didi Senft, den man von der Tour de France kennt, hüpfte kurz vor dem Startschuss für die Kameras auf und ab. Mit am Start war Sozialbürgermeister Werner Wölfle in voller Radlermontur. Er habe schon ganz andere Strecken absolviert, so Wölfle, gestand aber, „richtig nervös“ zu sein. Die Stadt erhofft sich von der Deutschland Tour einen Schub für die Radkultur.

Ausgerechnet ein Autohersteller

„Für uns war bei der Deutschland Tour entscheidend, dass es eine Jedermann-Tour gibt“, sagte Wölfle. Er hoffe, dass sich die Begeisterung nun auf den Alltag übertrage. Denn bekanntlich hält sich diese in Stuttgart in engen Grenzen. In der Landeshauptstadt nutzen noch weit weniger Pendler das Rad als anderswo.

Etwas unglücklich wirkte in diesem Zusammenhang das Bild, das der Schlossplatz abgab. Dort beherrschten Marktschreier des Hauptsponsors der Tour optisch und akustisch das Geschehen – dabei handelt es sich ausgerechnet um einen Autohersteller.

„Das ist eigentlich unglaublich und gegen den Geist der Veranstaltung“, sagte ein Polizeibeamter an einem eigenen Info-Stand der Polizei. Diesen Stand sowie viele andere des von der Stadt als „Festival für Zweiradfreunde“ angekündigten Events hatten die Veranstalter um den Kleinen Schlossplatz gruppiert.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC), die Polizei und die Initiative Radkultur des Landes Baden-Württemberg verteilten Broschüren. Für Kinder gab es Luftballons und Malbücher, Erwachsene durften auf Rädern probestrampeln und sich von der Polizei erklären lassen, welches Schloss das sicherste ist.

„Alles war super organisiert und die Strecke hervorragend abgesichert. Die Polizei hat gute Arbeit geleistet. Außerdem war die Resonanz klasse, es befanden sich deutlich mehr Zuschauer als erwartet an der Strecke. Es war eine rundum gelungene Veranstaltung“, sagte Jan Schlichenmaier, einer der zwei Renndirektoren. Auch Deutschland Tour-Chef Claude Rach zeigte sich am Nachmittag begeistert: Trotz anfänglicher Skepsis nach zehn Jahren ohne Deutschland Tour sei das Konzept von A bis Z aufgegangen und habe die Erwartungen übertroffen.

Erfolgreich nach zehn Jahren Pause

Zum ersten Mal seit zehn Jahren gibt es wieder eine Deutschland Tour. Start war am Donnerstag in Koblenz. Die 737 Kilometer lange Tour führte in vier Etappen über Bonn, Trier, Merzig und Lorsch zum Ziel nach Stuttgart.

Ausrichter sind die Gesellschaft zur Förderung des Radsports GmbH sowie der Veranstalter der Tour de France, die Amaury Sport Organisation (A.S.O.).

Die Weinbergrunde über 57,5 Kilometer gewann Lennart Jasper vom Rose Team Münsterland, die größere Runde über 117,5 Kilometer Kai Miebach vom Team Strassacker 2. tjb

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