Kultur FKK: „Wir sind hier in unserem Paradies“

Rainer Saborowski (rechts) und das Ehepaar Hildegard und Rolf Gerstenberger lieben es, textilfrei zu leben.
Rainer Saborowski (rechts) und das Ehepaar Hildegard und Rolf Gerstenberger lieben es, textilfrei zu leben. © Foto: Rainer Saborowski (rechts) und das Ehepaar Hildegard und Rolf Gerstenberger lieben es, textilfrei zu leben. Foto: Nadja Otterbach
Von Nadja Otterbach 11.09.2018

Rainer Saborowski wirkt tiefenentspannt. Der 64-Jährige ist nackt. Ein blaues Badetuch hängt ihm lässig von der Schulter und bedeckt nur das Nötigste. An diesem 34 Grad heißen Sommertag bewegt sich der Rentner gemächlich übers Gelände. Mit einem Glas Mineralwasser setzt er sich auf sein Badetuch in den Schatten. Ab und zu schlendert jemand vorbei – ebenfalls textilfrei – und grüßt freundlich. Man kennt sich.

Willkommen beim Natursport-Bund im Schwäbischen Wald. Der FKK-Verein in Kirchenkirnberg (Murrhardt) ist vor 50 Jahren entstanden. Unter dem Motto „Ankommen, auspacken, sich wohlfühlen“ sind auf dem weitläufigen Grundstück Nudisten willkommen, die im Grünen schwimmen, Boule oder Volleyball spielen, Bogenschießen oder Gymnastik machen wollen. Auch einen Grillplatz gibt es.

Rainer Saborowski und seine Frau Heidi wohnen im Remstal, verbringen aber so viel Zeit wie möglich auf dem fünfeinhalb Hektar großen Gelände, wo ihr Wohnwagen steht. Seit 36 Jahren sind sie Mitglieder des Vereins, Rainer Saborowski ist im Vorstand.

Auch die Kinder sind im Verein

Seit sie mit Bekannten FKK-Urlaub in Kroatien ausprobierten, wollen beide keine Badekleidung mehr tragen. „Wir haben uns danach einen FKK-Führer gekauft mit dem Ziel, alles abzuklappern“, erzählt Heidi Saborowski. Sie kamen nicht weit. Der erste Stopp beim Natursport-Bund habe ihnen so gut gefallen, dass sie hängen blieben. „Die Menschen sind gleich freundlich auf uns zugekommen, es gab keine Distanz“, erzählt das Paar, das zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel hat, die ebenfalls Mitglieder im Verein sind.

„Wer einmal nackt geschwommen ist, kann sich das nicht mehr anders vorstellen“, ist Heidi Saborowski überzeugt. Geschämt habe sie sich nie, sagt die 60-Jährige. „Hier versteckt sich keiner, aber es guckt auch niemand.“ Sie verbinde FKK mit Freiheit – ein Wort, das mehrmals fällt bei dem Versuch, den Reiz der Freikörperkultur zu erklären. „Wenn wir hier oben sind, sind alle gleich.“

Der Verein hat das idyllische Stück Land im Schwäbischen Wald erworben, die 150 Mitglieder erledigen fast alle anfallenden Arbeiten selbst. Angefangen bei der Bewirtschaftung eines kleinen Kiosks bis hin zu Reparaturen und Gartenpflege. Lediglich die Reinigung der sanitären Anlagen übernimmt eine Putzkraft.

Einige FKK-Anhänger nehmen lange Anfahrten auf sich, kommen aus Ulm, dem Odenwald oder aus Tübingen. Auf den Wiesen und an den Hängen ist Platz für 70 Wohnwagen – auch Touristen machen hier manchmal Urlaub. Ein Zaun schirmt die Nackten von unerwünschten Blicken ab. Rainer Saborowski lacht. Er kennt die Geschichten von früher, als ein Hochsitz hinter der Hecke stand, auf dem die Dorfjugend saß und glotzte.

Nacktsein spät für sich entdeckt

Heute ist kaum ein Geräusch zu hören. Im Pool schwimmt eine Handvoll Menschen, ein junges Paar liegt auf Liegestühlen und liest. Hildegard und Rolf Gerstenberger sind gerade aus dem Wasser gestiegen, trocknen sich ab und wirken zufrieden. Das Renterpaar aus Backnang hat das Nacktsein erst spät für sich entdeckt mit 62 und 70 Jahren. Wieder fällt das Wort Freiheit. „Die Luft und die Sonne auf der Haut zu spüren mitten in der Natur, das fühlt sich einfach gesund an“, sagt Hildegard Gerstenberger. Ihr Mann lobt die Kollegialität: „Wir sind hier in unserem Paradies.“

In den 70ern waren es 500 Mitglieder, die hier blank zogen. Heute sind es nicht nur weitaus weniger, auch der Altersdurchschnitt steigt – aktuell liegt er bei 59 Jahren. 90 Prozent sind dem Verein seit Jahrzehnten treu. Regeln gibt es ohnehin nur wenige. Eine lautet: Wer sich setzt, legt ein Handtuch unter. Eine unausgesprochene: Sobald es dunkel wird, zieht man sich was an. Fotografieren ist verboten.

Das Saison-Ende rückt nun mit den kühleren Temperaturen näher. Heidi Saborowski freut sich darüber, in den kommenden Monaten wieder mehr Zeit mit Freunden und Verwandten zu verbringen. Spätestens im Februar aber spüre sie die Sehnsucht nach Freiheit.

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Stuttgart und die FKK-Kultur

Nudisten kommen auch in der Landeshauptstadt auf ihre Kosten. Der FKK-Familiensportbund Stuttgart-Fasanenhof lädt Gleichgesinnte ebenso dazu ein, nackt ihre Freizeit zu verbringen, wie der Bund für freie Lebensgestaltung in Degerloch. Beide Vereine bieten ihren Mitgliedern Sportmöglichkeiten und Bäder zum Schwimmen. Der SSF-Stuttgart unterhält in Wurmberg im Enzkreis einen Sport- und Freizeitpark für Nudisten.

Auch in Bädern ist die Badehose nicht immer Pflicht – zum Beispiel im Inselbad Untertürkheim. Im Leuze ist textilfreies Schwimmen in der Kaltbadehalle und im Bewegungsland mittwochs bis samstags von 21 bis 23 Uhr möglich. nad

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