Luftschadstoffe Fahrverbot macht Kunden wütend

Bestens in Schuss: Werkstattmitarbeiter Michael Schinner erklärt Sabine J. den Zustand ihres 15 Jahre  alten VW mit Dieselantrieb.
Bestens in Schuss: Werkstattmitarbeiter Michael Schinner erklärt Sabine J. den Zustand ihres 15 Jahre  alten VW mit Dieselantrieb. © Foto: Jürgen Schmidt
Von Jürgen Schmidt 28.07.2018

Man sieht dem Van zwar an der Form an, dass er schon einige Jahre auf dem Buckel hat, doch der silberne Lack ist noch ohne Kratzer oder Rost. Auch sonst ist der VW Sharan erstklassig in Schuss, wie seine Besitzerin Sabine J. betont. Das Problem: Das Familienauto wird von einem Euro-4-Diesel angetrieben, darf vom kommenden Frühjahr an nicht mehr in Stuttgart fahren.

Was die resolute Frau aus dem Stuttgarter Norden, die ihren vollen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, von dem jüngst von der Landesregierung beschlossenen Fahrverbot für ältere Dieselautos hält, formuliert sie unverblümt: „Ich fühle mich verarscht und enteignet.“

Mit dieser drastischen Einschätzung steht sie nicht allein. „Wir führen derzeit ständig Gespräch mit wütenden Kunden“, erklärt Bernhard Schäufele, Seniorchef des Autohauses Lutz in Stuttgart-Möhringen. Denn es sind noch eine Menge Euro-4-Diesel in Stuttgart und Umgebung unterwegs. Etwa 20 bis 30 Prozent der Dieselautos, die in seiner Werkstatt gewartet und repariert würden, gehörten dieser Schadstoffklasse an, sagt Schäufele. Nach Angaben der Kfz-Innung Region Stuttgart gibt es derzeit in der Landeshauptstadt noch 30 000 Dieselfahrzeuge mit der Norm Euro 4 oder schlechter, in der Region sind es sogar 190 000.

Vom drohenden Fahrverbot sind keineswegs nur Stuttgarter Autobesitzer betroffen. Pendler, die fünf Tage die Woche zur Arbeit in die Landeshauptstadt fahren, trifft es sogar noch früher. Für sie tritt das Einfahrtverbot in die Umweltzone Anfang 2019 in Kraft.

Thomas Ackermann sieht das Verbot dennoch recht gelassen. Der Kfz-Meister pendelt täglich vom Rottenburger Stadtteil Baisingen nach Stuttgart und nutzt für die 50 Kilometer lange Strecke einen VW Caddy, ursprünglich ein Euro-3-Diesel, der dank Nachrüstung nun die Norm Euro 4 erfüllt. Das Auto hat sich der Vater von zehn Kindern erst in diesem Jahr als Zweitwagen zugelegt, um Fahrtkosten zu sparen. „Vorher hatte ich einen Benziner, weil ich bis vor eineinhalb Jahren noch in Weil im Schönbuch gearbeitet habe. Das war nicht so weit“, berichtet er.

In einem ist sich Ackermann mit Sabine J. einig. Beide wollen ihre alten, aber gut funktionierenden Autos auch im kommenden Jahr behalten. Der Familienvater will notfalls auf das große Familienauto für den Weg zur Arbeit umsteigen oder hofft, mit seinem Arbeitgeber gemeinsam eine Lösung zu finden. Sabine J. meint lapidar: „Mal sehen, wo und wie kontrolliert wird. Überall können sie ja nicht kontrollieren.“ Denn noch ist nicht klar, ob es eine Art Stuttgart-Plakette geben wird, damit Fahrzeuge, die nicht mehr in der Stadt fahren dürfen, auf den ersten Blick erkennbar sind.

Die Ingenieurin ist nicht beruflich auf das Auto angewiesen, sondern privat. „Ich muss damit zwei mal die Woche für meine Mutter einkaufen oder sie fahren“, erklärt sie. Die 90-Jährige wohne  zwar mitten in der Stadt, aber so weit weg von der nächsten Bushaltestelle und den nächsten Läden, dass diese Wege ohne Auto nicht zu machen seien. Ansonsten werde das Auto vor allem für Urlaubsfahrten genutzt. „Ich darf ja in Deutschland damit überall fahren, nur in meiner Heimatstadt nicht“, merkt die gebürtige Stuttgarterin sarkastisch an.

Den Sharan hat sich Familie J. vor 15 Jahren – wie viele Diesel-Fahrer – durchaus aus Umweltbewusstsein gekauft. Der Kohlendioxidausstoß sei schließlich viel niedriger als bei einem Benziner. An Stickoxide habe damals noch niemand gedacht. Schon in den ersten Jahren habe man zudem einen Partikelfilter einbauen lassen. Kfz-Meister Ackermann verweist darauf, dass alte Diesel weniger Sprit verbrauchten als neuere Modelle und ohne Zusätze, wie etwa Ad Blue, auskommen, die die Umwelt möglicherweise auch belasten könnten.

Sabine J. hält es zudem nicht für nachhaltig, ein Auto, von dem sie sicher ist, dass es im Herbst erneut problemlos durch den TÜV kommt, einfach zu verschrotten. Und sie glaubt nicht, dass das Fahrverbot die Luft im Stuttgarter Kessel wirklich verbessert. Dabei wäre sie zu gewissen Zeiten bereit, ihr Auto nicht zu nutzen. „Wenn es ein Verbot an Tagen mit Feinstaubalarm gäbe, wäre das für mich ok.“

Werkstätten fürchten um ihre Existenz

Die Kfz-Innung Region Stuttgart befürchtet, dass Werkstätten durch Dieselfahrverbote „an den Rand des Ruins, wenn nicht in den Ruin“ getrieben werden. Das sei das Ergebnis einer Umfrage unter den rund 100 Mitgliedsbetrieben, heißt es in einer Mitteilung. Vor allem für die Betriebe, die vom Werkstattgeschäft leben, „ist das Fahrverbot eine existenzielle Bedrohung“, so Obermeister Torsten Treiber (Ludwigsburg). Durch das Fahrverbot für Euro-4-Diesel gingen den Werkstätten im Schnitt rund zehn bis 15 Prozent ihrer Aufträge verloren.

Ein Fahrverbot für Euro-5-Diesel ab 2020 verdopple die Quoten laut Kfz-Innung. Weil der Anteil auswärtiger Kunden in Stuttgarter Kfz-Betrieben hoch ist, fordert der  Landesverband des Kraftfahrzeuggewerbes von der Landespolitik Ausnahmeregelungen.

Fahrten zur Werkstatt in Stuttgart sollen für Euro-4-Diesel weiterhin erlaubt sein, fordert die Innung. jüs

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel