Justiz Anzeige: Ex-Philharmoniker muss in Beugehaft

Hornist Rudolf Diebetsberger vor der JVA.
Hornist Rudolf Diebetsberger vor der JVA. © Foto:  Reinhard Löffler
Caroline Holowiecki 10.01.2018
Ein pensioniertes Mitglied der Stuttgarter Philharmoniker spielte auf der Straße für den guten Zweck – und kassierte ein Bußgeld. Das will er nicht bezahlen.

„Glaube, Hoffnung und Liebe sollen nie aus meinem Leben weichen, dann gehe ich, wohin ich soll, und werde am Ende sagen: Ich habe gelebt!“ Diesen Spruch gibt Rudolf Diebetsberger bei Facebook als Lieblingszitat an, und Hölderlins Satz erhält eine neue Bedeutung, wenn man weiß, wohin Diebetsberger am Dienstag gegangen ist: in die Justizvollzugsanstalt Stammheim. Der 74-Jährige musste in Beugehaft, weil er ein Bußgeld partout nicht bezahlen wollte. 

Verhängt hat das die Stadt Stuttgart. Der Hornist tönt seit seiner Pensionierung als Straßenmusiker für den guten Zweck. Das Geld, das Passanten dem ehemaligen Philharmoniker zuwerfen, gibt er an die Andheri-Hilfe weiter, die in Indien und Bangladesch Entwicklungshilfe leistet; 215.000 Euro in 14 Jahren. 2016 hat er dafür die Staufermedaille des Landes erhalten. Jedoch hat der Musiker, der stets in Zylinder und Frack in Erscheinung tritt, auch geblasen, wo er nicht durfte, und dies auch noch unerlaubterweise mit Begleitmusik aus dem Lautsprecher – dafür hat er eine Anzeige wegen Lärmbelästigung und 100 Euro Bußgeld kassiert.

Stadt weist auf Regeln hin

„Er durfte an der Freitreppe beim Kleinen Schlossplatz in Stuttgart spielen und hat in acht Meter Entfernung davon ins Horn geblasen“, erklärt sein Anwalt Reinhard Löffler, zudem spricht er von einer Sondererlaubnis bezüglich der Spielzeiten. Bei der Stadt will man nichts davon wissen. In einem Flyer sei genau festgehalten, wann und wo ein Straßenmusiker auftreten darf, der sei jederzeit online abrufbar. „Das sind Spielregeln, die für alle gelten. Auch für ehemalige Philharmoniker“, sagt ein Sprecher. Diebetsberger sei diesbezüglich mehrfach negativ aufgefallen, heißt es aus dem Rathaus.

 Löffler bekennt, dass sein Mandant „wenig Interesse daran hat, sich mit der öffentlichen Ordnung auseinanderzusetzen. Dafür habe es auch schon Strafzettel in Ulm oder Karlsruhe gesetzt. „Das ist schon ein Michael Kohlhaas.“ An diesem Donnerstag wird Diebetsberger nach zwei von acht Tagen aus der Einzelhaft entlassen, um zu schauen, ob er die Strafe zahlt, die durch Gerichtskosten auf bis zu 600 Euro gewachsen ist, andernfalls muss er wieder rein. Dass er klein beigibt, schließt Löffler lachend aus. „Ach was!“, entfährt es ihm. „Er hat sich das gut überlegt.“

Rechtlich sei die Inhaftierung in Ordnung, nicht jedoch verhältnismäßig, findet der Jurist. Ein Gnadengesuch sei vom Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann „weitergereicht worden und versandet“. Oberbürgermeister Fritz Kuhn verweigere das Gespräch.

Das Hickhack hat dem Hornisten Sympathien eingebracht. 1100 Unterschriften für eine Amnestie sind gesammelt worden, zudem haben etliche Menschen angeboten, das Bußgeld zu übernehmen. Und alles in allem, das sagt auch der Anwalt, bringt dies der Andheri-Hilfe Aufmerksamkeit.