Jeden Montagmorgen werden in der Schreinerei Zwinz im Stuttgarter Bohnenviertel erst einmal Bretter und Sägen zur Seite geräumt. Die zehn Mitarbeiter starten mit einem 30-minütigen Sportprogramm in die Woche. „Das Training findet jetzt schon im dritten Jahr statt und noch immer sind alle dabei“, sagt Firmenchef Rudolf Zwinz. Die In­i­­t­i­ative kam aus den Reihen seiner Mitarbeiter. Das „Sportmeeting“ zählt für Zwinz zur bezahlen Arbeitszeit und er ist überzeugt, dass sich die Investition lohnt. „Bei der anschließenden Besprechung der Projekte der Woche ist die Atmosphäre immer sehr konstruktiv und gelöst.“

In kleinen Betrieben sind Ini-t­i­a­­tiven wie diese noch eine Besonderheit. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse gibt es in jedem elften Unternehmen keinerlei Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, drei von zehn Betrieben haben immerhin vereinzelt Angebote. Ein gutes Drittel bietet seinen Mitarbeitern hingegen ein Sportprogramm im Umfang eines ganzen Sportvereins.

Gratis-Getränke und Zumba

Längst geht es dabei nicht mehr allein um Unfallvermeidung oder Ergonomie, körperliche Fitness und Rückentraining, sondern darum, die Mitarbeiter für das Unternehmen so lange wie möglich gesund zu halten. Was früher unter dem Namen Betriebssport fungierte, heißt heute Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Jährlich investieren die Firmen in Deutschland dafür gut und gerne fünf Milliarden Euro.

Ob Tanztraining im Diakonie-Klinikum in Stuttgart oder Übungsstunden zum Heben, Tragen, Ziehen und Schieben für die 350 Müllwerker und Fahrer der Abfallwirtschaft Stuttgart, die täglich 25 000 Mülleimer bewegen – das Spektrum der Angebote ist breit. Und auch kleinere Maßnahmen können Mitarbeitern die Wertschätzung ihres Arbeitgebers zeigen. In den Filialen der PSD Bank Rhein-Neckar-Saar mit Hauptsitz in Stuttgart stehen etwa für alle Banker kostenlose Getränke bereit. Personalmanager David Czech: „Alles, was dazu anregt, gesund zu leben und genügend zu trinken, gehört auch dazu. Das Arbeitsleben ist kein Sprint, sondern ein Dauerlauf. Wir wollen mit immer neuen Impulsen unsere Mitarbeiter fit halten.“ So kümmert sich in jeder Filiale ein aus dem Kollegenkreis berufener Feel-Good-Manager um die Koordinierung der jeweiligen Programme. Das kann ein Zumba-Kurs oder auch mal eine Wanderung sein.

„Vor 15 Jahren musste man noch Überzeugungsarbeit leisten, dass sich Unternehmen um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter kümmern. Heute rennen wir mit diesem Thema offene Türen ein“, sagt Richard Scherer von der AOK Baden-Württemberg. Statt mit den Kollegen abends noch ein Feierabendbier in der Kneipe zu trinken, gehe man heute miteinander zum Sport. „Wir wissen, wie man sich körperlich austobt, aber wie man Ruhe im Kopf bekommt, ist sehr viel schwieriger“, sagt der Experte für Betriebliches Gesundheitsmanagement. „Eine Firma wird nicht zu ihren Mitarbeitern sagen, arbeitet weniger, schaltet mal einen Gang runter, sondern sie muss am Markt bestehen und erfolgreich sein.“ Es gehe also darum, die Arbeit so zu gestalten, dass es einem bei der Arbeit gut gehe und man als Chef und Mitarbeiter lerne, besser mit Belastungen umzugehen.

Gabriele Noack, Leiterin des Betrieblichen Gesundheitsmanagements bei Ritter Sport in Waldenbuch (Kreis Böblingen) ist überzeugt: „Maßnahmen sind insbesondere dann erfolgreich, wenn sie nicht von der Stange kommen, sondern auf die jeweiligen Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt werden.“ Der Schokoladenhersteller beschäftigt 1500 Mitarbeiter, die in der Produktion teilweise in drei Schichten arbeiten. Ende 2017 wurde das Unternehmen für sein besonders durchdachtes Gesundheitsmana­gement mit einem „Corporate Health Award“ ausgezeichnet.

Die Angebote bei Ritter Sport reichen von klassischen Betriebssportarten, Pilates oder Selbstverteidigung hin zu Massagen und Weight-Watcher-Kursen. Besonderes Augenmerk schenkt die Gesundheitsmanagerin aber dem sensiblen Thema psychische Gefährdungen.

Paten für neue Mitarbeiter

Unter großer Beteiligung der Mitarbeiter wurden die Bedingungen der verschiedenen Arbeitsplätze analysiert. Die Ergebnisse führten unter anderem dazu, dass neue Mitarbeiter Paten zur Seite gestellt bekommen, um Überforderungen durch den neuen Job zu vermeiden. Oder dass in der Produktion der Personalbedarf neu ermittelt und zusätzliche Mitarbeiter eingestellt wurden, um damit betrieblich bedingten psychischen Belastungen vorzubeugen.

Dass sich die finanziellen und organisatorischen Investitionen in Mitarbeiter lohnen, steht für viele außer Frage. Gleichwohl bleiben Zufriedenheit und Wohlergehen der Mitarbeiter ein sensibles Feld, das Schwankungen unterworfen ist. „Da muss nur ein schwieriger Chef kommen – und die Fehltage steigen wieder an“, weiß AOK-Experte Scherer.

Termindruck und zu hohes Pensum


Belastung In Befragungen der AOK werden als gesundheitliche Beeinträchtigungen gleich häufig körperliche und psychische Belastungen genannt, darunter Leistungs- und Termindruck oder zu große Arbeitsvolumina.

Stärkung Jeder Berufstätige verbringt rund ein Drittel seiner Gesamtlebenszeit bei der Arbeit, die damit wesentlich Gesundheit und Wohlbefinden beeinflusst. Die AOK bietet seit 2016 Programme zur Stärkung der psychischen Gesundheit an, die bereits in 40 Firmen umgesetzt werden. bw