Stuttgart Enkeltrick: Eine Seniorin erzählt, wie sie beinahe abgezockt wurde

Etwa zehn Minuten telefonierte Ruth Gisela Evers (80) mit einer Enkeltrickbetrügerin - erst danach bemerkte sie, dass da etwas faul war.
Etwa zehn Minuten telefonierte Ruth Gisela Evers (80) mit einer Enkeltrickbetrügerin - erst danach bemerkte sie, dass da etwas faul war. © Foto: Ferdinando Iannone
Stuttgart / DOMINIQUE LEIBBRAND 14.02.2015
Immer wieder fallen Senioren auf den sogenannten Enkeltrick herein. Wie perfide die Betrüger vorgehen, erzählt eine Betroffene aus Stuttgart. Ihr Glück war, dass sie nicht genug Geld parat hatte.

Ihre 80 Jahre merkt man Ruth Gisela Evers nicht an. Die Stimme klingt jugendlich, geistig ist die Seniorin voll da. "Dass es Enkeltrickbetrüger gibt, weiß ich seit Jahr und Tag", sagt die Stuttgarterin. Doch als bei ihr am 9. Februar das Telefon klingelt, ist dieses Wissen wie weggeblasen. Was in den folgenden zehn Minuten gesprochen wird, hat die Rentnerin später penibel protokolliert. Sie möchte möglichst viele Menschen warnen.

"Am Apparat war eine Frau, sie war sehr freundlich, hatte eine super Stimme, sprach reines Hochdeutsch", erzählt Ruth Gisela Evers. Gleich zu Anfang kommt der Schlüsselsatz: "Hallo, rate mal, wer dran ist!" Ein Satz, der Druck erzeugt. "Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht wusste, wer sie ist", erinnert sich die 80-Jährige. Sie überlegt, woher sie die Anruferin kennen könnte. Vom Roten Kreuz, vom Sport? "Nein, Verwandtschaft!", sagt die Frau. "Vielleicht die Biene?", fragt die Seniorin, obwohl die Stimme nicht recht zu ihrer entfernten Nichte passen will. Die Antwort ist einstudiert. "Stimmt, das bin ich. Allerdings bisschen erkältet."

Eine kurze Plauderei folgt, dann kommt die vermeintliche Verwandte auch schon zur Sache: Sie braucht Geld. 50 Euro hat Ruth Gisela Evers im Haus. Doch das reicht der Anruferin bei Weitem nicht: "Krieg' keinen Schreck, 10.000 Euro." Die Begründung klingt auch in Evers Ohren im Nachhinein krude: "Sie erzählte, sie habe eine Eigentumswohnung gekauft, es gebe aber noch mehr Interessenten und sie müsse dringend einen Termin einhalten, sonst würde sie 3500 Euro verlieren." Ruth Gisela Evers wundert sich noch, dass ihre Nichte sich als Kindergärtnerin eine Wohnung in München leisten kann. "Im August werden 6000 Euro fällig", teilt sie der Anruferin dennoch mit. Die fragt, ob man das nicht früher kündigen könne. "Oder vielleicht hast du auch irgendwas Wertvolles, Schmuck oder Goldbarren?" Spätestens jetzt ist für die Rentnerin klar, dass sie nicht helfen wird. "Erstens hatte ich das Geld nicht, zweitens fand ich es ziemlich unverschämt von ihr, dass sie verlangt hat, ich solle etwas kündigen." Sie fühlt sich zwar schlecht dabei, vertröstet die "Nichte" aber - und legt auf.

So glimpflich wie im Fall von Ruth Gisela Evers gehen die Telefonate mit Enkeltrickbetrügern nicht immer aus. Erst vor Kurzem wurde eine 76-Jährige aus dem Stuttgarter Westen um 100.000 Euro gebracht. Laut Polizeisprecher Jens Lauer der schwerwiegendste Fall in der Stadt, den er kenne. Gleichwohl gehe es nie um Peanuts: "Unter 15.000 Euro fangen die Täter meist nicht an." Die Ganoven beweisen dabei Fleiß: Bis zu 30 Telefonate führen sie, bevor sie einen Treffer landen. Sie arbeiten mit Telefonbüchern, suchen gezielt nach altklingenden Namen. Senioren hätten oft Bargeld daheim, weiß der Sprecher. Zudem zweifelten sie häufiger als junge Leute an ihren geistigen Fähigkeiten oder seien tatsächlich nicht mehr fit, was sie zur leichteren Beute mache. Hinterher ist die Scham groß, viele schweigen die Angelegenheit tot.

Die Vorgehensweise der Täter ist stets ähnlich: Aus irgendeinem Grund braucht der angebliche Verwandte ganz dringend Geld. Lauer: "Da wird Druck aufgebaut, so können die Leute gar nicht richtig überlegen." Um nicht aufzufliegen, werden zur Geldübergabe Kuriere geschickt. Bei der betrogenen 76-Jährigen rückte beispielsweise eine angebliche Notarsgehilfin an.

Die Vorfälle kommen laut Lauer in Wellen. Die Täter knöpfen sich eine Stadt vor, versuchen dort ein paar Tage ihr Glück und ziehen dann weiter. Wer genau dahinterstecke, wisse man nicht, sagt Lauer, man tippt auf einen Clan aus dem Osten. Den Tätern habhaft zu werden, ist demnach mehr als schwierig. 2014 nahm die Polizei einen Kurier - einen 15-jährigen Polen - fest, erfuhr von ihm aber auch nichts über die Auftraggeber. Lauer: "Die sind darauf geeicht, nichts zu sagen."

Wie perfide die Betrüger vorgehen, das hat für Ruth Gisela Evers beinahe etwas Faszinierendes: "Die Masche ist unheimlich raffiniert", sagt sie. "Das ganze Telefonat über habe ich nicht daran gezweifelt, dass ich mit meiner Nichte spreche." Erst nachdem sie aufgelegt hat, dämmert ihr, dass etwas nicht stimmte. Später am Tag fällt ihr die Geschichte der 76-Jährigen, die die 100 000 Euro verlor, in die Hände. "Früher dachte ich, die Leute, die auf so was reinfallen, sind bekloppt", sagt sie. Heute weiß sie es besser.

30 Anrufe seit Jahresanfang

Familienclan Als Erfinder des Enkeltricks gilt ein Familienclan aus Polen, der 2014 Schlagzeilen gemacht hat. Die Hamburger Polizei machte seinerzeit rund 50 Tatverdächtige mit einem Brüderpaar an der Spitze dingfest, die zusammen Hunderttausende Euro von Senioren ergaunert haben sollen. Es gab bereits mehrere Gerichtsverfahren. Enkeltrickfälle registriert man aber offenkundig nach wie vor: Allein bei der Stuttgarter Polizei wurden seit Jahresanfang 30 Anrufe von Leuten gezählt, die sich als Enkel oder Verwandte ausgaben.

 

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