Shopping Einzelhändler schieben Frust

Von Caroline Holowiecki 11.02.2019

Die Restwaren hat Ingrid Alt bereits im Keller verstaut, ihren Frust offenbar noch nicht. 87 Jahre lang gab es den Optiker Peschke am Rotebühlplatz, viele Jahre hat Ingrid Alts Mann das Geschäft geleitet. Doch nun ist es zu. Für immer. Bei der Frage nach dem Warum sprudelt es aus Ingrid Alt heraus. Allen voran nennt sie die Mega-Baustelle vor ihrer Nase.

Der Abriss der Calwer Passage hat begonnen. Bis Ende 2020 soll der Komplex oberhalb des Bahnstopps Stadtmitte abgetragen und neu gebaut werden. Passanten werden umgeleitet, und die Alts haben das binnen kurzer Zeit deutlich gespürt. Der nächste Abriss steht bevor. Nebenan soll Mitte des Jahres der Bau Rotebühlstraße 4 weichen. „Die riesigen Baustellen sind der Hintergrund, dass alle hier weggehen“, betont Ingrid Alt und verweist etwa auf die Buchhandlung Steinkopf, die zugemacht hat und weggezogen ist.

Auch sonst lässt Ingrid Alt kein gutes Haar an der einstigen Topgegend. Das Umfeld sei „ungut“. Tatsächlich haben sich in der Vergangenheit vor allem Imbisse breitgemacht, zudem ein Discounter. Holger Siegle, Sprecher der City-Initiative Stuttgart, bestätigt, dass Mitglieder des Händlerverbandes über die Party-, aber auch die Alkoholiker- und Drogenszene am Rotebühlplatz klagen, „das ist in den letzten Monaten sehr problematisch geworden“, wenngleich ein Sprecher der Stadtverwaltung betont, dass Polizei und städtischen Vollzugsdienst die Gegend bei Streifen besonderes im Blick hätten. Außerdem schreckten laut Ingrid Alt die vielen Demos samt massiver Polizeipräsenz zunehmend Kunden ab. „Das ist kein attraktives Umfeld“, resümiert sie.

Ob aus diesen oder anderen Gründen: Für Händler scheint es tatsächlich schwieriger geworden zu sein in der Innenstadt. In der Schulstraße, der „Fressgasse“, sind seit geraumer Zeit zwei Geschäfte zu, in der Verlängerung, der Büchsenstraße, sind es drei, und auch in der Stiftstraße, die erst vor Kurzem von der Immobilienfirma Jones Lang LaSalle (JLL) zur Nummer eins der deutschen Luxusmeilen gekürt worden war, sind Fenster abgehängt. Selbst in der schicken Calwer Straße: Zwei Boutiquen sind zu, zwei demnächst, darunter die von Maria Stölzle. Sie hört aus Altersgründen nach 30 Jahren auf, dennoch findet sie deutliche Worte. „Die Calwer Straße hat abgenommen.“ Sie spricht von einem Rein und Raus, „nichts Dauerhaftes“. Die aus ihrer Sicht viel zu hohen Mieten setzt sie in Relation zu einem in ihren Augen immer beliebiger werdenden Angebot auf der Königstraße. „Billigheimer“, sagt sie. „Stuttgart ist nicht mehr schön, nicht mehr heimelig.“

Ähnlich sieht es Sabine Moster, die aktuell nebenan ihr Pelzgeschäft „Fur Style“ räumt. Monatelang hatte sie ein Gerüst am Haus, davor sei der Boden aufgerissen gewesen, und jetzt die Sperrungen an der Großbaustelle, um die herum es immer schmuddeliger zugehe; zu viel für die Händlerin, die ohnehin unter Branchenproblemen wie Personalmangel oder Konkurrenz durchs Internet leide. Der Trend weg von der einst luxuriöseren Calwer Straße hin zum Hipsterviertel sei für sie schwierig, „das Hochpreisige und Exklusive ist vorbei. Für mich läuft das in die verkehrte Richtung“.

Angelo Caldarelli von der Immobilienfirma JLL glaubt bei den Leerständen an temporäre Erscheinungen. „Durch die neuen Flächen haben sich auch die Laufwege der Passantenströme verschoben. Deshalb gibt es Lagen, die sich neu erfinden und wieder eine eigene Anziehungskraft entwickeln müssen“, sagt er. Die Calwer Straße etwa habe das Potenzial, durch Gastronomie noch attraktiver zu werden, diese Transformation brauche allerdings Zeit und „einen Strategiewechsel bei manchen Eigentümern, die bislang allein auf klassischen Handel gesetzt haben“. Dass Baustellen Umsatzeinbußen bedeuten können, leugnet er nicht, sie „sind aber eine vorübergehende Einschränkung“.

Innenstadt-Immobilien in Privathand

270 Euro pro Quadratmeter kosten die Spitzen-Ladenmieten in Stuttgart. Laut Angelo Caldarelli von der Immobilienfirma JLL bringen jüngste Umbrüche aber auch Senkungen. Lange Zeit habe extreme Flächenknappheit Mieten steigen lassen, doch mit neuen Einkaufszentren und Quartieren hätten sich die Flächen binnen kurzer Zeit mehr als verdreifacht. Mehr Auswahl bedeute Verhandlungsspielraum. Laut der Stadtverwaltung sind die Innenstadt-Immobilien zu 100 Prozent in Privathand. car

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