Stadtplanung Eine Champs-Élysées in Stuttgart

Die Ideen für eine Umgestaltung der Kulturmeile sind verschieden. Doch die Architekten sind sich in einer Sache einig: Man darf die Entwicklung der B14 nicht isoliert betrachten.
Die Ideen für eine Umgestaltung der Kulturmeile sind verschieden. Doch die Architekten sind sich in einer Sache einig: Man darf die Entwicklung der B14 nicht isoliert betrachten. © Foto: Ferdinando Iannone
Von Jürgen Schmidt 06.11.2018

Völlig frei und ohne Vorgaben sollten sich fünf bekannte  Architekturbüros einem Problem widmen, dass der 2017 gegründete Verein „Aufbruch Stuttgart“ als das drängendste der Landeshauptstadt sieht: Wie lässt sich die von der B 14 zerschnittene Kulturmeile in ein lebendiges Kulturquartier verwandeln? Doch die von der  Honoratioren-Initiative geforderte Verlegung der Straße auf voller Länge in einen Tunnel, hält keiner der Architekten aus Basel, Zürich, München, Frankfurt und Rotterdam für zwingend erforderlich, um das Kulturquartier voranzubringen.

Die Schaffung attraktiver Stadträume müsse Priorität vor der Lösung der Verkehrsfragen haben, so die Grundauffassung aller fünf Büros. Als angemessen und erhaltenswert sehen die Planer die  Stadtautobahn durch den Stuttgarter Talkessel aber nicht.

Für die Umgestaltung der  sechsspurige Trasse wurden verschiedene Lösungen präsentiert. Das Team von Herzog und de Meuron aus Basel schlug vor, die beiden Fahrspuren in der Mitte zu einem grünen Boulevard umzugestalten, der sich auch durch die vorhandenen Tunnel zieht, also quasi abschnittsweise tiefergelegt ist. Der Frankfurter Architekt und Stadtplaner Christoph Mäckler plädiert dafür, die Stadtautobahn  in einen Boulevard zu verwandeln, ohne den Verkehr zu verbannen. „Über die Champs-Élysées fahren auch täglich 60 000 Autos und man kann dort noch seinen Kaffee trinken“, sagte er.

Die niederländische Gruppe KAW und Urban Think Tank (U-TT) aus Zürich machten sich für die Stärkung der Querverbindungen über die Straße hinweg oder darunter hindurch stark. Damit könnten ursprüngliche Verbindungen von den Staffeln am Talrand in die Innenstadt hinein wiederbelebt werden. U-TT sprach sich beispielsweise dafür aus, die Terrassen vor der Staatsgalerie mit einem Deckel über der B 14 mit dem Schlossgarten zu verbinden.

Schlossgarten aufwerten

Bei aller Unterschiedlichkeit der Entwürfe waren sich die Architekten in anderen wesentlichen Fragen einig. Die Entwicklung der Kulturmeile dürfe nicht isoliert von der Entwicklung der Innenstadt insgesamt betrachtet werden. Dazu zählt für alle die Aufwertung des Schlossgartens. Der sei jetzt der Hinterhof der Stadt, monierte etwa Ascan Mergenthaler, Senior Partner bei Herzog und de Meuron, und stand mit dieser Meinung nicht allein. Sein Team schlug deshalb vor, die Achse vom Neuen Schloss in Richtung Cannstatt wiederzubeleben.

Auch über die  Zukunft des  Opernhaus besteht Konsens. Einen Umbau des Littmann-Bauwerks sei unter denkmalpflegerischen und finanziellen Aspekten bedenklich. Mäckler  erklärte, dass man in Frankfurt für den dortigen Umbau Kosten von 900 Millionen Euro errechnet habe. Er schlug, wie auch die anderen Teams, einen Neubau vor an ganz unterschiedlichen Standorten. Mäckler würde die neue Oper ebenso wie Markus Allmann neben die bisherigen Theatergebäude stellen wollen, wofür das Münchner Büro das Königin-Katharina-Stift um 30 Meter verschieben möchte.

Verbindung zur Einkaufsmeile

Mergenthaler schlug dagegen vor, die neue Oper zusammen mit einer neuen Philharmonie auf die andere Seite des Schlossgartens an die Königsstraße zu setzen, um Einkaufs- und Kulturmeile stärker zueinander zu bringen.

Bei allem stadtplanerischen Korrekturbedarf ist aber nicht alles schlecht in der schwäbischen Landeshauptstadt. „Die Häufung von Kultureinrichtungen auf so engem Raum wie in Stuttgart ist weltweit einzigartig“, stellte Mergenthaler fest.

Finanzielle Belastung für „Aufbruch Stuttgart“

Der Architekten-Workshop von „Aufbruch Stuttgart“ war für den Verein zwar eine finanzielle Belastung, aber gemessen an den Honoraren in der Branche ein echtes Schnäppchen, wie der stellvertretende Vorsitzende Arno Lederer erläuterte.

Jedes Team hat 5000 Euro für ihren zweitägigen Einsatz bezahlt bekommen, sagte der Stuttgarter Architekt. Doch die Ergebnisse seien etwa das Zehnfache wert, wenn man sie normal bezahlen müsste. Dass es gelungen sei, die fünf Büros ein Wochenende nach Stuttgart zu holen, sei persönlichen Kontakten zu verdanken. jüs

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