Großer Bahnhof in der Dorotheenstraße: zur offiziellen Einweihung des Lern- und Gedenkorts Hotel Silber sind am Freitag hochrangige Vertreter aus Politik, Verwaltung und Kultur gekommen. Die Verwandlung der ehemaligen Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) für die Reichsteile Württemberg und Hohenzollern in eine Stätte des Lernens und Gedenkens hatte einen langen Vorlauf. Schon vor zehn Jahren setzte sich eine Initiative für den Erhalt des Gebäudes ein. Damals sollte es im Zuge der Neuplanung des Dorotheenquartiers abgerissen werden.

Von einem „langen Weg“ sprach deshalb auch Petra Olschowski, Staatssekretärin im Wissenschaftsministerium. 2011 fiel der Beschluss, das Gebäude zu erhalten, 2016 wurde die Finanzierung geregelt, die sich das Land und die Stadt Stuttgart teilen. Im selben Jahr begann der knapp 4,5 Millionen Euro teure Umbau.

Bundesweit einzigartig macht das Projekt die weitreichende Beteiligung der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V., die aus dem Engagement Stuttgarter Bürger entstanden war. „Bundesweit erkämpfen Bürgerinitiativen Gedenkorte, und dann übernehmen die Profis alles“, sagte Harald Stingele, Vorsitzender der Initiative. „Hier ist es anders gelaufen, das ist eine ganz große Ausnahme.“ Denn sowohl im Verwaltungsrat, dem Entscheidungsgremium des Projekts, als auch auf operativer Ebene war die Initiative fest eingebunden, auf Augenhöhe mit den anderen Beteiligten, dem Land, der Kommune und dem Haus der Geschichte als Träger.

Die zweite Besonderheit liegt in der Dreigliederung der Dauerausstellung „Hotel Silber – eine Ausstellung zu Polizei und Verfolgung“, dem Kernstück des Lern- und Gedenkorts. Denn während sich vergleichbare Einrichtungen inhaltlich auf die Zeit der NS-Herrschaft beschränken, nimmt jene im Hotel Silber auch die Zeit vorher und nachher ins Blickfeld. Sie fragt, warum der Übergang von Weimarer Republik zur NS-Herrschaft nahezu reibungslos verlief, aber auch nach Kontinuitäten nach 1945.        
„Die Nazis sind 1933 nicht vom Himmel gefallen und 1945 nicht in die Hölle gefahren“, sagte Thomas Schnabel, Direktor des Hauses der Geschichte. Die Ausstellung zeige das „ganz normale Morden“ der NS-Zeit. Die Ausstellung nennt Namen der Täter und setzt sich mit den Schicksalen der Opfer auseinander. Sie ist gespickt mit Original-Dokumenten wie dem Tagebuch eines Kommunisten in Gestapo-Haft oder Original-Objekten wie der massiven Zellentür, auf deren Rückseite viele Gefangene Einritzungen hinterlassen haben. Schnabel, der bald aus dem Amt scheidet, zeigte sich nachdenklich: das Thema sei leider aktueller, als ihm eigentlich lieb ist.

Man sehe an den aktuellen politischen Entwicklungen, dass Lernen und Gedenken nie abgeschlossen seien, sagte Olschowski. Vor dem Hintergrund einer jüngst veröffentlichten Studie des amerikanischen Nachrichtensenders CNN verstehe sie das Hotel Silber als Projekt gegen Nationalismus und Geschichtsvergessenheit. Laut der Studie wissen 40 Prozent der jungen Deutschen im Alter zwischen 18 und 34 Jahren nichts oder wenig über den Holocaust. Einen „starken Bildungsauftrag“ sieht deshalb auch Elke Banabak von der Initiative.

Ähnlich äußerte sich Fritz Kuhn (Grüne): „Wer nicht bereit ist zu erinnern, der ist nicht geschützt vor Wiederholung“, so der OB, der sich über die Einrichtung freute. Die Stadt habe mit Stadtpalais, dem Institut für Auslandsbeziehungen und dem Hotel Silber eine „spannende Achse“ hinzugewonnen.

Das Land trägt Baukosten und Miete


Die Eröffnung des Lern- und Gedenkorts Hotel Silber in der Dorotheenstraße ist am 4. Dezember. Der Eintritt ist kostenlos. Auf 300 Quadratmetern sehen Besucher 76 Originalobjekte, zudem 200 Reproduktionen von Fotos und Dokumenten. Es sind auch Wechselausstellungen vorgesehen.

Bauherr ist das Land Baden-Württemberg. Es zahlt die Baukosten von 4,5 Millionen Euro und die Miete. Ausstellungseinrichtung (3 Millionen Euro) und laufende Kosten (560 000 Euro pro Jahr) teilen sich Land und Stadt Stuttgart zu je 50 Prozent.

Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr. tb