Kulturpolitik Ein unerwarteter Erfolg

Die reine Besucherzahl steht für Ulrike Groos nicht im Vordergrund. Ihr ist wichtig, Themen  zu entwickeln.
Die reine Besucherzahl steht für Ulrike Groos nicht im Vordergrund. Ihr ist wichtig, Themen zu entwickeln. © Foto: Ferdinando Iannone
Von Daniel Grupp 18.01.2019

Vielfalt macht sich bezahlt, das hat sich aus Sicht von Ulrike Groos im vergangenen Jahr beim Kunstmuseum Stuttgart gezeigt. Das Haus am Kleinen Schlossplatz verzeichnete 2018 eine Rekordzahl von fast 224 000 Besuchern. Das entspreche etwa der Zahl des Jahres 2015 als das Museum mit der charakteristischen Würfel-, Glas- und Steinarchitektur sein zehnjähriges Bestehen feierte. „Wir haben mit diesen sehr guten Zahlen überhaupt nicht gerechnet“, sagte Groos in einem Gespräch, in dem sie sich auch zum Thema Kulturquartier, ihrem Engagement im Verein „Aufbruch Stuttgart“ und weiteren Vorhaben des Museums äußert.

Bei der Konzeption von Ausstellungen stehe nicht im Vordergrund, möglichst viel Publikum anzulocken: „Wir haben unsere Sonderausstellungen durchaus in Bereichen, in denen wir dachten, das ist für uns wichtig. Bei denen war nicht absehbar, dass sie auf großes Publikumsinteresse stoßen werden. Unsere Aufgabe ist, dass wir neue Themen vorstellen, Künstler zeigen, die nicht so bekannt sind.“ Die Museumsleiterin nennt als Beispiel die Schau mit Werken des New Yorker Künstlers Patrick Angus, die ein  großer Erfolg war.

Unerwartet gut besucht war auch die Reinhold-Nägele-Ausstellung. Der Chronist der Moderne der Region Stuttgart habe viele ältere Besucher angelockt. Dies habe sich zusammen mit dem jüngeren Publikum der Angus-Ausstellung schön gemischt. Zum Besuchererfolg hätten auch die überdurchschnittlich vielen Ausstellungen beigetragen.

Groos versteht das Kunstmuseum auch als  „Produktionsort für Themen, die wir dann auch anderen Museen anbieten“. Als Beispiel nennt sie die Ausstellung Ekstase, die ans Zentrum Paul Klee in Bern gehen wird.

Dabei ist das Umfeld für das Haus am Kleinen Schlossplatz komplizierter geworden, denn im vorigen Jahr öffnete das Stadtpalais, das mit seinen Aktionen viel Aufmerksamkeit erfahren hat. Während das Kunstmuseum nur vereinzelt kostenlosen Zutritt gewährt, boten das Stadtpalais, das Landesmuseum in die Sammlungen und die Staatsgalerie anlässlich ihres Jubiläums freien Eintritt an. Die 55-jährige Direktorin wünschte sich generell, in die Sammlungen  freien Eintritt anbieten zu können. Dann würde nur der Besuch von Sonderausstellungen etwas kosten.

Ulrike Groos ist Gründungsmitglied des Vereins „Aufbruch Stuttgart“. In ihm sind viele Kulturinstitutionen der Stadt vertreten. Dem Verein geht es um die Weiterentwicklung des Kulturquartiers mit seinen kulturellen Einrichtungen. Den Begriff Kulturmeile hält sie für falsch: „Ich bin im engen Kontakt mit dem Landesmuseum. Das würde bei Meile auch nicht dazu gehören.“ Das Quartier sei eine große Chance, „die Stadt größer zu denken.“

Sie vermutet, dass die Fokussierung auf die Kulturmeile mit Stuttgart 21 und dem Verkehr auf der B 14 zusammenhängt. Beides bereitet den dortigen Einrichtungen Probleme. Im Vergleich dazu liege das Kunstmuseum „paradiesisch“. Im Verein Aufbruch sei von Anfang an vereinbart worden, den Begriff Kulturquartier zu verwenden. „Wir wollen einen runden Tisch bilden, an dem alle beteiligt sind.“

Die Opernsanierung sei der Ausgangspunkt gewesen, sich in die Gestaltung der Stadt einzumischen. „Wir dachten, man sollte größer denken. Ich finde solche Denkanstöße wichtig, weil daraus etwas Größeres entstehen kann.“  Dem Aufbruch sei wichtig, die Politik auf Themen aufmerksam zu machen. Die vom Verein organisierten Vorschläge für die Innenstadt, die hochrangiger Architekten entwickelt haben, bezeichnet Groos als „sehr anregend“. Man müsse den Mut haben, „den großen Wurf zu wagen“.

Die Direktorin kann verstehen, dass einige die Arbeit des Vereins als elitär empfinden. Aber es gehe mittlerweile um mehr als Kultur, nämlich um Mobilität und Stadtplanungsprozesse. „Die Opernsanierung wird zum Anlass genommen, dieses ganze Areal noch einmal neu zu denken.“ Es gehe auch um die B14. „Wir haben viele Autofahrer. Es ist eine Autostadt.“ Die Dieselkrise zeige, dass immer nur kleine Lösungen versucht würden. „Nur Verbote, finde ich problematisch.“  Viele hätten den Wunsch, nicht nur im Aufbruch, dass sich Dinge verändern.

Sie selbst lässt ihr Vorstandsamt im Verein seit einiger Zeit ruhen. Sie habe nicht mehr die Zeit, die vielen Aktivitäten zu begleiten. Der Aufbruch werde sich in nächster Zeit neu aufstellen.

Die vielen Veranstaltungen am Schlossplatz, vom Weihnachtsmarkt übers Jazz Open bis zum Historischen Volksfest sieht Groos mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits gefällt ihr die Lebendigkeit, andererseits „finde ich es auch schön, wenn der Schlossplatz mal leer ist.“ Es sei problematisch, wenn ein Fest aufs andere folgt.

In diesem Jahr liegt ihr die Ausstellung des Isländers Ragnar Kjartansson am Herzen – „den keiner kennen wird“. Der Künstler verbindet verschiedene Gattungen von Kunst, Literatur und Musik. Filme, Videos und Gemälde werden zu sehen sein.

Anfang 2020 wird eine Ausstellung das Verhältnis der Nationalsozialisten zum Kunstmuseum Stuttgart beleuchten. Provenienzforscher Kai Artinger hat sich in das Thema vertieft. Die Ausstellung trägt den Arbeitstitel „Der Traum von Museum schwäbischer Kunst. Das Kunstmuseum Stuttgart im Nationalsozialismus“. Es gehe um  „für uns und unsere Sammlung ganz neue Erkenntnisse“, kündigt Groos an. Bisher wisse man über die NS-Zeit nur sehr wenig.

Von Düsseldorf nach Stuttgart

Seit 2010 leitet Ulrike Groos das Kunstmuseum. Zuvor war sie Direktorin der Kunsthalle Düsseldorf.

Die Kunsthistorikerin ist 1963 geboren. Sie hat in Würzburg, New York und Münster Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Ethnologie studiert.

Das Kunstmuseum wurde im März 2005 als Nachfolger der Galerie der Stadt Stuttgart eröffnet. 

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