Kalter Krieg Ein sicherer Ort unter der Erde

Elf Personen hätten in dem Röhrenbunker von Stefan Nau Platz gefunden.
Elf Personen hätten in dem Röhrenbunker von Stefan Nau Platz gefunden. © Foto: Ferdinando Iannone
Von Melissa Seitz 13.02.2019

Mit einem kräftigen Ruck öffnet Jochen Schmaus die massive Tür zum Tiefbunker. Ein kleiner Vorraum kommt zum Vorschein, auf der rechten Seite liegen Gasmasken und Helme im Regal, gegenüber steht ein kleiner Mülleimer auf dem Boden. „Für die radioaktiv verseuchte Kleidung“, erklärt der stellvertretende Vorsitzende des Vereins Schutzbauten Stuttgart. Dann öffnet Schmaus eine zweite Tür. Dahinter verbirgt sich ein 12 Meter langer metallener Schlauch, ein sogenannter Röhrenbunker.

Der Bunker-Inventar ist die neue Errungenschaft des Schutzbautenvereins Stuttgart. Vor zwei Jahren sind die Vereinsmitglieder auf den Bunker aufmerksam geworden. Damals stand das Original noch in Dettenhausen bei Tübingen: Stefan Nau hatte sich Ende der 60er Jahre das Schutzgebäude in den Garten unter die Erde gebaut. Sogar mit einer direkten Verbindung zum Keller, sodass seine Familie im Falle eines atomaren Angriffs hineingelangen konnte, ohne an die Oberfläche zu müssen.

Jetzt ist der Röhrenbunker Teil der Ausstellung „Kalter Krieg“ im Tiefschutzbunker in Stuttgart-Feuerbach. „Der Transport des gesamten Bunkers wäre zu aufwendig gewesen, deswegen haben wir uns entschieden, ihn nachzubauen. Wir haben das komplette Inventar mitgenommen und den Nachbau so eingerichtet, wie er im Original aussah“, erklärt Schmaus, stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Unterstützung hat der Verein von der Firma Theaterbau aus Ludwigsburg erhalten, die Teile eingebaut hat.

Und was sagt die Tochter des Bunkerbauers zu der Nachbildung? „Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, dachte ich, ich wäre zuhause“, sagt Beate Bäuerle. Der Bunker war nicht von dem Original zu unterscheiden. „Wir haben uns schon gefragt, was mit diesem Monstrum passiert“, ergänzt ihr Mann Dieter. Der Schutzbautenverein kam also wie gerufen.

Ein Schritt in den Röhrenbunker hinein und schon steht man im Badezimmer – wenn man es überhaupt so nennen kann. Hier befinden sich eine kleine Waschnische und eine Trockentoilette – denn: „Man wollte ja schließlich Wasser sparen“, sagt Schmaus. Neben der Toilette stehen Betonattrappen. „Die hat man zusätzlich vor die Tür stellen können, um im Falle eines atomaren Angriffs die Strahlung abzublocken“, erzählt der Experte.

Läuft man weiter hinein, steht man im Schlaf- und Aufenthaltsbereich. Der Raum wirkt freundlich und ein paar farbige Elemente sorgen für einen gewissen Wohlfühlfaktor. „Man hat versucht, den Bunker so gut wie es nur ging wohnlich zu gestalten. Schließlich ist man davon ausgegangen, dass man im Fall eines atomaren Angriffs circa 14 Tage darin verbringt.“ Ein Radio sollte für musikalische Abwechslung sorgen und eine Spielesammlung war meistens auch in einem der Notfallkoffer verstaut.

Nur mit Unterhaltung in Form von Musik und Spieleabenden lassen sich zwei Wochen in dem 12 Meter langen metallenen Schlauch aber nicht aushalten. „Zum Überleben braucht man drei Dinge: Sauerstoff, Wasser und Essen“, erläutert Schmaus. An alles hat Nau damals gedacht: Haufenweise Wasserkanister stehen bereit und in einem Regal stapeln sich Konservendosen. „Damals waren es vielleicht eher Einmachgläser. Man hat immer zu Essen gegriffen, das nicht großartig zubereitet werden musste“, sagt Schmaus.

Für Frischluft hätte ein ausgeklügeltes Sandfilter-System gesorgt. Mit einer Handkurbel oder – sofern es eine Stromverbindung gab – auch elektrisch, konnte Luft durch zwei Tonnen Kies in das Innere gekurbelt werden. „Durch den Kies-Filter sollten Schadstoffe aufgehalten und die Luft heruntergekühlt werden.“

Wenn man durch den Bunker läuft, könnte man glatt vergessen, für was er gebaut wurde, da er fast schon wohnlich aussieht. Das wundert Schmaus nicht: „Man muss sich schon ein bisschen hier aufhalten, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie es ist, dort eingesperrt zu sein. Vor allem, wenn man davon ausgeht, dass hier bis zu elf Personen reinpassen.“ Dem Schutzbautenverein geht es auch nicht darum, den Besuchern ein unangenehmes Gefühl zu vermitteln. „Wir sehen den Bunker als Mahnmal“, erklärt Schmaus.

Info An jedem letzten Sonntag im Monat bietet der Schutzbautenverein Touren durch den Tiefbunker an. Ab 14 Uhr führen die Mitglieder auch durch die Ausstellung „Kalten Krieg“, in der auch der Röhrenbunker besichtigt wird.

Amerikaner setzen weiterhin auf Bunker

Schutzgebäude sind in den USA beliebt. „Solche Bunker werden dort heute noch verkauft“, erzählt Jochen Schmaus. Zwar nicht für den Kriegsfall, sondern im Falle einer Naturkatastrophe. „Zum Beispiel bei Erdbeben oder Hurrikans. Die Angst davor ist real.“

Im Internet gibt es die Möglichkeit, sich per Online-Shopping auf diversen amerikanischen Seiten Schutzgebäude zusammenzustellen. Laut Schmaus können sich Interessierte individuelle Bunker-Module heraussuchen. „Es gibt zum Beispiel verschiedene Küchen, aus denen man eine auswählen kann.“ Der Bunker wird dann in Einzelteilen gelliefert und vor Ort zusammengebaut. sei

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