Stadtleben Ein Schloss für alle

Um zum Bürgerschloss zu werden, sind am Prachtbau einige Veränderungen erforderlich.
Um zum Bürgerschloss zu werden, sind am Prachtbau einige Veränderungen erforderlich. © Foto: Foto
Von Barbara Wollny 12.02.2019

Gebaut, beschädigt, erneuert, ausgebaut, umgebaut, zerstört, wiederaufgebaut – solange es das Neue Schloss in Stuttgart gibt, verändert es sich. Auch jetzt wieder. So steht es auf der Homepage des Berliner Architektenbüros Sting, dazu ist ein prächtiges Bild des neuen Schlosses zu sehen. Das Architekturbüro, das bereits die Villa Reitzenstein sanierte, hat jetzt eine Machbarkeitsstudie für die nötige Sanierung des Mitteltrakts des Neuen Schlosses vorgelegt. Dieser befindet sich iub dem Zustand, wie er 1964 wiedereröffnet wurde. Seitdem wird das Schloss von der Landesregierung für noble Veranstaltungen genutzt. In den Seitenflügeln befinden sich Büros des Finanz- und des Wirtschaftsministeriums. Für Bürger und Touristen sind die Eingänge verschlossen.

Das soll sich ändern. Frühestens 2027 – im IBA-Jahr – sei mit der Fertigstellung und Öffnung des Schlosses zu rechnen. Aber für Kostenpläne sei es noch zu früh, erklärt Arndt Braun, Sprecher des Staatsministeriums, der sich für das Projekt „Offenes Schloss“ engagiert. Erste Haushaltsmittel würden aber im Doppelhaushalt 2020/21 freigemacht. Und dann spricht er mit großer Begeisterung von den Möglichkeiten, die Säle und Räume künftig bieten werden – etwa für das Trickfilm- oder das Stuttgarter Jazzopen Festival.

„Wir wollen alle ansprechen“

Zu den möglichen Nutzungsmöglichkeiten wird am 28. März ein Bürgerbeteiligungsverfahren mit 60 bis 80 ausgewählten Bürgern stattfinden. Eingeladen werden dazu benachbarte Kulturinstitutionen wie Staatsgalerie, Haus der Geschichte, Stadtmuseum oder Hotel Silber. Auch der Stuttgarter Johannes Milla soll mitreden. Er hatte bereits 2012 Ideen zu einem offenen Bürgerschloss entwickelt. Interessierte Bürger können sich ebenfalls einbringen, sagt Veronika Kienzle vom Staatsministerium, die das Treffen vorbereitet. „Wir wollen alle ansprechen, Vereine, Initiativen, Bürgerschaften, die sich mit kulturellen Inhalten beschäftigen.“

Für die baulichen Veränderungen gibt es schon recht präzise Vorstellungen. Die größte dürfte die sein, dass Untergeschoss und Erdgeschoss des Mitteltrakts ganz für Besucher geöffnet werden, einschließlich des „Ausgucks“, der einen Blick über die Innenstadt erlauben wird. Die Seitenflügel werden dagegen weiter den Ministerien zur Verfügung stehen. Im Mitteltrakt sollen die ursprünglichen Räume wiederhergestellt und teilweise wieder mit ausgelagertem Mobiliar und Gemälden ausgestattet werden. In den Marmor-, Speise- und Gardesaal sowie in das Blaue Zimmer im ersten Stock wird das Staatsministerium weiterhin zu Empfängen einladen. Sie sollen aber auch für öffentliche Veranstaltungen genutzt werden können.

Die Parkplätze im Ehrenhof werden wegfallen, dafür wird es eine unterirdische Zufahrtsmöglichkeit geben. Beide Seitenflügel erhalten Durchgänge – zum Rosengarten auf die eine und zur Planie auf die andere Seite. Es ist geplant, dass ein Gastronomiebetrieb einschließlich einer Außenterrasse zum Akademiegarten hin eingerichtet wird und die Kantine des Finanzministeriums sich auch für Publikum öffnet.

„Es ist ein Geschenk des Landes an die Stadt“, sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Und Stadtoberhaupt Fritz Kuhn freut sich über das Präsent: „Es ist ein Zeichen für Bürgernähe und Transparenz, das Schloss zu öffnen und zugänglich zu machen.“ Musik, Kunst, bezahlbares Speisen und Trinken – Wieland Backes, Sprecher des Vereins Aufbruch Stuttgart, sieht sieht viele Nutzungsmöglichkeiten. „Alles, was mit Kreativität und bürgerschaftlichem Engagement zu tun hat, wäre hier gut untergebracht, wie beispielsweise die Stuttgarter Bürgerstiftung.“ Dabei weist er aber auch auf die Notwendigkeit von Neuerungen hin, weil sich Stuttgart im Wettbewerb der Städte unbedingt aufwerten müsse. „Das lebendige Schloss könnte der Mittelpunkt des neuen Stuttgarter Kulturquartiers werden.“

Infokasten
Ein zweites Versailles mitten in der Stadt

Im Stadtrat wurde mit nur einer Stimme Mehrheit 1954 beschlossen, das im Krieg komplett zerstörte Schloss wieder aufzubauen. Als Carl Eugen 1744 nach Stuttgart kam, war ihm das burgartige Alte Schloss als Wohnsitz nicht komfortabel genug. Er verlangte den Bau einer standesgemäßen Residenz und drohte sonst mit seinem Umzug nach Ludwigsburg.

Carl Eugen träumte von einem zweiten Versailles. So wurde in Stuttgart die letzte große barocke Residenzschlossanlage Deutschlands gebaut. Zu besichtigen sind die Räume höchst selten. Die nächste Gelegenheit bietet sich bei der Langen Nacht der Museen am 23. März. bw

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel